Plädoyer für eine robuste und vorausschauende Energiewende

Es kommt anders, als wir denken. Plädoyer für eine robuste und vorausschauende Energiewende

Die Energiewende ist ein Generationenprojekt. Es braucht dazu viele sehr verschiedene Einzelmassnahmen. Weil heute niemand sagen kann, wo’s klemmen wird und wo nicht, sollten Klumpenrisiken vermieden werden. Massnahmen müssen auch dann noch Sinn machen, wenn die Zukunft sich anders entwickelt als gedacht. Dazu müssen wir jederzeit beurteilen können, wo wir auf dem Weg der Energiewende stehen und wohin wir uns bewegen.

Im frühneuzeitlichen London stand der Begriff «black swan» für etwas Unmögliches – alle Schwäne waren schliesslich weiss. Als Entdecker 1697 in Westaustralien tatsächlich schwarze Schwäne antrafen, änderte sich die Bedeutung schlagartig: Seither steht der Begriff für mögliche künftige Entwicklungen ausserhalb unserer heutigen Vorstellungskraft. Denn wir wissen nicht, was wir nicht wissen. Das ist natürlich vor allem wichtig bei grossen, langfristig angelegten Vorhaben.

Die Energiewende – Atomausstieg, höhere Energieeffizienz, weniger Öl und Gas, dafür viel mehr erneuerbare Energie – ist ein solches Generationenvorhaben. Von heute auf morgen geht bei der Energieinfrastruktur wenig: Die ersten SBB-Wasserkraftwerke sind bald 100-jährig, das AKW Mühleberg läuft seit 1972, die Hälfte der über 20-jährigen Wohngebäude wurde noch nie energetisch saniert. Die Energiewende muss auf Systeme mit sehr langer Reaktionszeit einwirken. Das dauert. Die Versuchung ist oft gross, mit der Brechstange – eine mächtige Politikmassnahme – einen Impuls zu setzen, der ein für alle Mal den angestrebten Richtungswechsel erzwingen soll.

Brechstangenpolitik – oft ein Mahnmal

Ausländische Beispiele zeigen, dass ein solches Vorgehen nicht immer klappt. In Kanada beispielsweise haben Förderprogramme Anfang der 1990er-Jahre einen Bestand von 35‘000 Erdgasfahrzeugen ermöglicht. Mit dem Stopp der Subventionen kam allerdings der Rückgang. Heute gibt es noch 12‘000 Fahrzeuge, die Hälfte der Erd- und Biogastankstellen wurde bereits wieder rückgebaut. Auch die deutsche Einspeisevergütung für erneuerbare Energie war zeitweilig so hoch, dass alle auf die Dächer kletterten, um sofort Photovoltaik zu installieren – niemand forschte mehr für den technischen Fortschritt. Und ganze Windparks in der Nordsee mussten Jahre warten, bis ihr Anschluss ans Stromnetz möglich war. Das kostet.

Gerade die auf Beständigkeit ausgerichtete Schweiz scheint gut beraten, auf Flottillen statt auf Schlachtschiffe zu setzen. Entsprechend besteht die schweizerische Energiestrategie richtigerweise aus vielen sehr unterschiedlichen Einzelmassnahmen, vom Glühlampenverbot über Biogas-Einspeisevergütungen und ökologisierte Autosteuern bis zu Raumlüftungs-Infokampagnen und Energiespeicher-Grundlagenforschung.

Energiewende in vielen Einzelschritten

Unsere Erfahrungen aus den letzten 35 Jahren zeigen: Fundamentale Veränderungen der Infrastruktur, Generationenvorhaben eben, lassen sich nicht innert Kürze erzwingen. Wer mit der grossen Kelle anrichtet, bezahlt viel und erreicht weniger als gedacht. Geduld und Augenmass und die Feinjustierung verschiedener Massnahmen sind gefragt. Ein langer Atem wird sich auch hier bewähren. Was unsere Erfahrungen auch zeigen: Den ganzen Weg zum Vornherein fix planen bewährt sich nicht, denn wir wissen nicht, was die Zukunft genau bringt. Schwarze Schwäne sind nie ausgeschlossen.

Es gibt auch jüngere Beispiele dafür, dass wir uns die Zukunft nicht gut vorstellen können:

  • Die Energieperspektiven 2007 des Bundesamts für Energie gingen von einem Rohölpreis von 30 Dollar pro Barrel bis 2035 aus, es gab auch ein „Hochpreis-Szenario“ mit 50 Dollar. Nur zwei Jahre später erreichte der Erdölpreis ein Allzeithoch von 110 Dollar. Die Energieperspektiven 2011 rechneten dann für 2035 mit 95 bis 110 Dollar. Seit einem Jahr liegt der Weltmarktpreis wieder bei ca. 50 Dollar.
  • Wegen des grossen Seebebens vor der ostjapanischen Küste vom 11. März 2011 wurden alle AKW in der Region planmässig notabgeschaltet. Als der vom Seebeben ausgelöste Tsunami die Dieselgeneratoren des AKW Fukushima aber überflutete, war die Notkühlung weg. Das AKW war auf Tsunamiwellen vorbereitet – bis 10 Meter Höhe, 15 Meter galten als unvorstellbar.
  • Kernschmelzen wurden in den 1960er Jahren ohnehin als schlicht undenkbar eingestuft – in den letzten 40 Jahren geschahen sie aber in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima.
  • Die Kernfusion befindet sich im Forschungsstadium – seit 50 Jahren schon. Und wurde von der Photovoltaik gleichsam rechts überholt. Wir warten auch immer noch auf Wasserstoffautos. Deren Marktreife wurde Mitte der 1990er Jahre auf das Jahr 2010 angekündigt.

Wir sehen: Sicher ist, dass die Energiewende bis 2050 nicht genau so verlaufen wird, wie der Bundesrat und das Bundesamt für Energie es 2012 nach bestem Wissen und Gewissen vorhergesagt haben. Es wird zu grösseren Abweichungen kommen, und bereits im Jahre 2025 werden wir uns über einige Elemente der 2012 erarbeiteten Energieperspektiven 2035/2050 erheitern.

Machen wir heute alles richtig?

Niemand kann heute sagen, wo wir in zehn Jahren, geschweige denn 2050, stehen werden. Wir werden Hindernisse antreffen, die wir heute noch nicht kennen. Der starke Ausbau von energierelevanter Forschung und Entwicklung wird aber auch neue Technologien und Ansätze bringen. Wichtig ist deshalb, Klumpenrisiken zu vermeiden und stets auf mehrere Pferde zu setzen.

In der Theorie ist zwar immer nur ein politisches Instrument optimal. Das trifft aber nur zu für den Stand heute, und unter vielen Annahmen. Die Kombination mehrerer Ansätze, also sich ergänzender politischer Instrumente, ist deshalb zukunftssicherer. Die einzelnen Massnahmen sollten dabei aber auch dann noch Sinn machen, wenn sich die Zukunft anders entwickelt als gedacht. Nachweislich funktionierende Instrumente wie beispielsweise das Gebäudeprogramm sollten nicht vorschnell ersetzt werden, wenn die Wirkung neuer Lenkungssysteme noch nicht gesichert ist.

Energiemonitoring benötigt

Bei längeren Wanderungen braucht es eine Wanderkarte, und zur Mittagszeit empfiehlt sich ein Blick, ob das angepeilte Nachtlager immer noch in Reichweite ist. Auch bei der Generationenaufgabe «Energiewende» braucht es eine Wanderkarte, damit wir beurteilen können, wo auf der Strecke wir uns befinden und ob der Fortschritt genügend schnell ist – ein Energiemonitoring. In Deutschland gibt es gleich mehrere «Wanderkarten», in der Schweiz jene der Umweltallianz, welche auf Daten zum aktuellen Stand des Energiesystems von EBP aufbaut.

Und zum Schluss noch dies: EBP hat seit 2012 auch eine Tochtergesellschaft in Chile. Wissen Sie, was es dort gibt? Weisse Schwäne mit schwarzem Hals. Wirklich.

Wo denken Sie, liebe Leserin und lieber Leser, könnten Entwicklungen eintreten, die stark von den heutigen Annahmen abweichen?

Daniel Schlaepfer

Daniel Schlaepfer

hat an der ETH Zürich Kulturingenieurwesen studiert und im Bereich der Strömungsmechanik promoviert. Als Vorsitzender der Geschäftsleitung von Ernst Basler + Partner ist er seit einiger Zeit vornehmlich mit firmeninternen Aufgaben betraut. Gerne nutzt er aber jede Gelegenheit, um seine reichhaltige Berufserfahrung in herausfordernden Umweltprojekten einzubringen.

Peter de Haan

Peter de Haan

hat an der ETH Zürich in Umweltphysik promoviert und leitet bei Ernst Basler + Partner das Tätigkeitsfeld «Ressourcen und Energiepolitik». Ihn interessiert, wie effiziente Technologien in den Markt eindringen und wie Konsumenten darauf reagieren. An der ETH Zürich ist er als Dozent in «Energie und Mobilität» tätig.

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