Wie die Energiewende zum Exportschlager wird

Wie die Energiewende zum Exportschlager wird

Zahlreiche Entwicklungs- und Schwellenländer suchen nach neuen Wegen, wie sie den Lebensstandard weiter verbessern können und gleichzeitig die Umwelt weniger belasten. Dass die Schweiz hier eine Vorbildfunktion hat, bietet Marktchancen für Schweizer Unternehmen: Mit dem Export von Know-how und Technologien können sie weltweit zu mehr Energieeffizienz und vemehrter Nutzung erneuerbarerer Energien beitragen. Wie das funktionieren kann, zeigt das Beispiel Chile.

Chiles Wirtschaft wächst weiterhin, wenn auch langsamer. Das Gleiche gilt für die Bevölkerung. Beides stellt Chile vor grosse Herausforderungen in der Umwelt- und Energiepolitik: Der Energiebedarf wird zu 90 Prozent über Erdölderivate, Kohle, Gas, und Energieholz gedeckt. Die fossilen Energieträger müssen grösstenteils importiert werden. Der steigende Stromverbrauch wird bisher vor allem durch vermehrte Produktion in Kohlekraftwerken ausgeglichen. Die Bedeutung der erneuerbaren Energien (Wind, Biomasse, Sonne) ist noch marginal, aber stark zunehmend. Da die Strompreise in Chile auch zu den höchsten in Lateinamerika zählen, hat die Regierung vor einem Jahr eine Energiestrategie mit ambitiösen Zielen verabschiedet: Bis 2025 sollen 45 Prozent der neu installierten Leistung von Kraftwerken aus erneuerbaren Ressourcen Energie produzieren; gleichzeitig sollen der Energieverbrauch um 20 Prozent und die Strompreise um 30 Prozent sinken.

Das Energiestadt-Label…

Diese Herausforderungen bieten interessante Marktopportunitäten für Schweizer Unternehmungen in den Bereichen Energie am Bau, dezentrale Energieversorgung mit Fokus Solar und Biomasse sowie im Bereich Wasserkraft. Seit 2014 ist das chilenische Energieministerium zusammen mit der chilenischen Innovations- und Wirtschaftsförderungs-Agentur CORFO daran, das Schweizer Energiestadtlabel in Chile einzuführen. Das Energiestadt-Label wird bereits in 21 Ländern der Welt verwendet. Chile ist nun das erste Land in Lateinamerika. Das Projekt wird unterstützt von REPIC, einer interdepartementalen Plattform zur Förderung von erneuerbarer Energie und Energieeffizenz in Entwicklungs- und Schwellenländern, sowie von der Schweizerischen Botschaft in Chile.

… als Türöffner für Schweizer Cleantech-Firmen

Mithilfe des Labels Comuna Energética sollen die Nutzung der lokalen Ressourcen für die Wärme- und Stromproduktion gefördert, der Energieverbrauch auf Gemeindeebene reduziert sowie die lokalen Akteure für die Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien sensibilisiert werden. Am Aufbau des Labels sind drei Schweizer Firmen beteiligt. Die Einführung des Labels in einer Gemeinde bietet darüber hinaus weiteren Schweizer Unternehmen Möglichkeiten für den Markteintritt in Chile bzw. für den Ausbau ihrer Marktpräsenz. Um dies zu erreichen, wird eng mit Switzerland Global Enterprise und mit der Exportplattform Cleantech Switzerland zusammengearbeitet.

Institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Chile

Auch der Bund unterstützt den Austausch mit Chile: Während einer offiziellen Delegationsreise mit Unternehmerbeteiligung hat Bundesrätin Doris Leuthard Ende Oktober zwei Absichtserklärungen für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Bern und Santiago de Chile in den Bereichen Energie und Umwelt unterzeichnet. Gleichzeitig hat die Energiestadt Bern mit den drei chilenischen Städten Vitacura, Temuco und Coyhaique eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit abgeschlossen. Ziel ist ein institutionalisierter Know-how-Austausch sowie die Umsetzung von Kooperationsprojekten in den Bereichen Gebäudesanierung, energetische Nutzung von Biomasse, Solarenergie und Bekämpfung der Luftverschmutzung.

Zum Beispiel: Eine Holzschnitzelheizung für eine patagonische Schule

Die Stadt Coyhaique in Patagonien beteiligt sich als eine von bisher neun Gemeinden am Label Comuna Energetica. Coyhaique hat eine der höchsten Feinstaubbelastungen in Chile, da über 90 Prozent der Haushalte nasses Energieholz für die Wärmeversorgung nutzen und die Gebäude schlecht isoliert sind. Während 11 Monaten im Jahr muss geheizt werden. Die Schule Baquedano in Coyhaique geht dieses Problem an: Die Gebäudehülle soll renoviert sowie das Heizungssystem mit einer neuen Holzfeuerungsanlage für Hackschnitzel erneuert werden. Die Finanzierung des Projekts konnte mit Unterstützung der schweizerischen Botschaft, von Schweizer Firmen sowie den chilenischen Bildungs-, Energie- und Umweltministerien gesichert werden. Am Projekt sind mehrere Schweizer Unternehmen beteiligt: EBP Chile hat zusammen mit der Basler Beratungsfirma Nova Energie das dem Projekt zugrunde liegende Energiekonzept erarbeitet. Die Holzfeuerungsanlage wurde von Schmid Energy Solutions AG geliefert und als erste Hackschnitzelfeuerungsanlage im Süden von Chile installiert. Die Hackschnitzel werden von der lokal aufgebauten Firma Centro de Biomasa in Coyhaique geliefert. Der Transport wurde von der Schweizer Firma Fracht Chile übernommen und finanziert. EBP Chile wird in den nächsten Monaten die Implementierung des Projektes begleiten.

Qualitätssiegel «Swissness»

Das institutionell komplexe Projekt Colegio Baquedano wäre ohne die enge Zusammenarbeit zwischen den drei chilenischen Ministerien (Bildung, Umwelt und Energie), der schweizerischen Botschaft und den privaten Unternehmen nicht möglich gewesen. Die Swissness spielt in der Zusammenarbeit und der Realisierung von Projekten in Chile eine wichtige Rolle. Swissness steht für Qualität, Präzision, Transparenz, Innovation, Unabhängigkeit und Bürgerbeteiligung. Dies kann im Projekt Colegio Baquedano gut aufgezeigt werden. In Patagonien ist ein eigentliches Leuchtturmprojekt geschaffen worden, das bereits das Interesse zahlreicher anderer chilenischer Bildungsinstitutionen geweckt hat. Schweizer Unternehmen wittern zu Recht weitere Marktchancen.

Zusammenarbeit zwischen öffentlichem Sektor und privaten Unternehmen als Erfolgsfaktor

Energie ist die «Nahrung» für die wirtschaftliche Entwicklung und spielt eine zentrale Rolle, um die Klima- und Ressourcenprobleme zu lösen. Die Energiewende ist Baustein einer Transformation, um neue Erfahrungen zu sammeln, neue Technologien zu entwicklen und neue, wirtschaftlich gangbare Lösungen zu finden. Diese Chancen sollte unser Land noch vermehrt nutzen, um erstklassige Schweizer Produkte, Technologien, Know-how und Erfahrung ins Ausland zu exportieren. Eine enge Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Partnern ist dabei Voraussetzung, damit die Energiewende tatsächlich zum Exportschlager wird.

Was denken Sie? Kann die Energiewende den Export in der Schweiz ankurbeln und gleichzeitig dazu beitragen, das Klima- und Ressourcenproblem zu bewältigen? Kennen Sie weitere Beispiele?

Edgar Doerig

Edgar Doerig

ist seit September 2014 Schweizer Botschafter in Chile. Während seiner knapp 20-jährigen Karriere im Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat er bisher als Diplomat in Tokio, Beijing, Brasília und an der Zentrale in Bern gearbeitet. Er erlangte an der Universität St. Gallen (HSG) das Lizentiat in Rechtswissenschaften und in Bruges, Belgien, den Master in Europäischem Recht.

Roger Walther

Roger Walther

hat an der ETH Zürich Forstwissenschaften studiert. Seit 10 Jahren arbeitet er bei Ernst Basler + Partner im Bereich der energetischen Nutzung von Biomasse sowie Energieeffizienz und Erneuerbare Energien. Seit vier Jahren lebt er in Santiago und ist für EBP Chile verantwortlich.

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