Energiepolitik ohne Reboundkonzept - kann das gutgehen?

Energiepolitik ohne Reboundkonzept – wie gut kann das gehen?

Die Energiestrategie 2050 des Bundes forciert effizientere Geräte und Fahrzeuge. Die dadurch gesparten Energiekosten werden meist wieder ausgegeben, was den Spareffekt vermindert – denn Konsum braucht Energie. Solche «Rebound»-Effekte können gross oder klein sein. Wer Energiesparziele ernsthaft und kostengünstig erreichen will, muss bei der Massnahmengestaltung an den Rebound denken.

Nach einer energetischen Sanierung von Mehrfamilienhäusern sind die tatsächlichen Energieeinsparungen meist etwas geringer als erwartet. Woran liegt das? Unter anderem am Rebound-Effekt (erklärt beispielsweise in diesem Videobeitrag): Weil die Energieeffizienz gestiegen ist, stellen die Bewohner etwa die Heizung nicht mehr ab, wenn sie in die Ferien fahren. Oder sie installieren eine zusätzliche Aussenbeleuchtung, die dank effizienter LED-Lampen nun ja auch drin liegt. Neben solchen direkten Rebound-Effekten gibt es auch indirekte: Das dank besserer Energieeffizienz gesparte Geld wird für anderes ausgegeben, und dieser Alternativkonsum braucht ebenfalls Energie – egal, ob es sich um einen Kaffee, ein neues Hemd oder ein Auto handelt.

Der Mensch täuscht sich gerne selber

Gerade Privatpersonen neigen oft zum «mentalen Rebound», beispielsweise wenn das neue Minergie-Haus ein so gutes «grünes» Gewissen gibt, dass ich mir gleich eine zusätzliche Flugreise gönne. Da kaum ein Privathaushalt über eine lückenlose Energiebuchhaltung verfügt, gibt es auch unerwartete Rebound-Effekte. So kann es passieren, dass man meint, mit höherer Energieeffizienz Geld zu sparen. Wenn die höheren Beschaffungskosten für die neue Technologie mitgerechnet werden, trifft das aber gar nicht zu. Energetische Gebäudesanierungen sind so ein Fall – die niedrigeren Heizkosten gehen mit einer höheren Investition einher. Aber Konsumenten vergessen bereits getätigte Investitionen gerne (sogenannte «versunkene Kosten») und rechnen bei weiteren Entscheidungen nur noch mit den reduzierten laufenden Kosten.

Wie gross ist der Rebound wirklich?

Zur Berechnung des Rebound-Effekts gibt es zwei Methoden. Mit der ingenieurwissenschaftlichen Methode wird im Voraus abgeschätzt, welche Energieeinsparung eintreten sollte. Wird real dann mehr verbraucht als erwartet, gilt dies als Rebound. Oft stellt sich aber heraus, dass der Ingenieur zu optimistisch war oder der Energieverbrauch vor der Sanierung falsch geschätzt wurde – im konkreten Einzelfall konnte die Einsparung gar nicht in vollem Umfang realisiert werden (zu solchen «Performanzlücken» siehe auch den kürzlich erschienenen Beitrag im Factory-Magazin).

Nicht jeder Mehrkonsum ist ein Rebound-Effekt

Mit der ökonometrischen Methode hingegen betrachtet man die Energienachfrage über die Zeit, beispielsweise für alle Autos. Wenn sich in der gleichen Zeitspanne auch die Effizienz verbessert, wird eine Zunahme der Energienachfrage einem Rebound-Effekt zugeschrieben. Auch so wird der Rebound oft zu hoch eingeschätzt, etwa wenn Mehrkonsum infolge höheren Wohlstands der verbesserten Energieeffizienz in die Schuhe geschoben wird. Denn nicht jeder Mehrverbrauch ist ein Rebound-Effekt: Erhalte ich mehr Lohn, konsumiere ich mehr, mit zusätzlichem Energiebedarf. Da hier die Ursache aber nicht eine Steigerung der Energieeffizienz ist, hat dies mit Rebound nichts zu tun.

Rebound ist zunächst einmal ganz normal

Dass mehr konsumiert wird, wenn die Preise fallen, entspricht dem Verhalten des homo oeconomicus. Unsere Marktwirtschaft basiert auf diesem Prinzip. Rebound-Effekte sind deshalb per se vorhanden und müssen berücksichtigt werden. Wenn die Ingenieurskunst uns neue Wärmepumpen-Wäschetrockner beschert, mag dies Anlass dafür geben, die Wäsche nicht mehr aufzuhängen und erst noch Zeit zu sparen. Den technischen Fortschritt wollen wir ja nicht verbieten, nur um dem Rebound den Garaus zu machen. Oft führt aber erst eine griffige Politikmassnahme zu einem Effizienzsprung – und damit die beabsichtigte Energiesparwirkung dann auch tatsächlich eintritt, soll man bitte schön darauf achten, dass sie mit möglichst geringem Rebound einhergeht.

Rebound im energiepolitischen Alltag

Beispiele für Politikmassnahmen, welche nahezu zwingend einen Rebound-Effekt auslösen werden, gibt es viele: Dank Emissionsvorschriften werden die Autos immer effizienter – wenn aber der Mineralölsteuersatz pro Liter nicht im Gleichschritt angepasst wird, bezahlen die Autofahrer immer weniger Mineralölsteuer. Auch sind Energieetiketten für Haushaltsgeräte relativ. Will heissen: Der Energieverbrauch eines Kühlschranks wird pro Liter Nutzinhalt berechnet. Damit schneiden grosse Kühlschränke aus Herstellersicht besser ab, denn eine dünnere Isolation reicht. Wer sich vornimmt, einen A+++-Kühlschrank zu kaufen, kommt wahrscheinlich mit einem grösseren Kühlschrank nach Hause, als er vorhatte.

Solange die Energiepolitik einen sehr starken Fokus auf der Steigerung der Energieeffizienz legt und die induzierten Verhaltensänderungen zu wenig berücksichtigt, wird sie auch stark von Rebound-Effekten geprägt sein. Kann eine Verdoppelung der Energieeffizienz bei den Neuwagen ohne Folgen bleiben? Wird die starke Verbesserung der Effizienz einzelner Gebäudeteile ohne Konsequenz auf das Heizverhalten bleiben?

Die vier «R» zur Rebound-Reduktion

Aus unserer Erfahrung gibt es vier wichtige Handlungsfelder – die vier «R» – zur Rebound-Reduktion:

Erstens: Realistisch schätzen. Wichtig ist, dass die erwartete Energieeinsparung nicht zu optimistisch geschätzt wird: Wenn der konzeptionelle Planer 30 Prozent Einsparung behauptet, kann der Umsetzungsexperte beurteilen, ob dies beim konkreten Objekt zu schaffen ist oder nicht. Zugleich gilt es aber auch, die mangelhafte Planung und Umsetzung moderner, effizienter Gebäudetechnik zu vermeiden. Und auch für die Ausführung und Bedienung braucht es Schulungs- und Ausbildungsangebote.

Zweitens: Review. Sowohl im Einzelfall als namentlich auch bei Massnahmenpaketen sollten Rebound-Effekte bei ex-ante-Wirkungsschätzungen standardmässig eingerechnet werden. Auch wenn der Rebound-Effekt im Einzelfall noch nicht genau bekannt ist, soll man ihn nicht einfach gleich Null setzen, sondern mit 10 bis 30 Prozent bei zeitintensiven Energiedienstleistungen und sonst mit 20 bis 40 Prozent ansetzen. Bei Massnahmenpaketen führen Rebound-Effekte zur Erkenntnis, dass man mehr Massnahmen zur Erreichung eines gewissen Ziels braucht als zunächst gedacht.

Drittens: Robustheit. Bei Politik-Varianten sollte nicht jene mit der geschätzt grössten Wirkung ausgewählt und umgesetzt werden, sondern jene, die «rebound-robust» ist, das heisst bei Berücksichtigung der Rebound-Effekte möglichst hohe Energiespareffekte erwarten lässt.

Viertens: Reboundverstärkung bei Zeiteinsparung. Wenn sich mit Energiekonsum auch Zeit sparen und der Komfort steigern lässt, sind hohe Rebound-Effekte zu erwarten. Wir erinnern uns an unsere Wäschetrockner: Als diese effizienter wurden, hat sogleich auch deren Nutzung stark zugenommen – der gesunkene Stromverbrauch verleitete dazu, substanziell mehr Zeit sparen zu wollen.

Was meinen Sie? Sollten Fahrzeugsteuern im Gleichschritt mit Effizienzsteigerungen steigen, das Benzin also um 10 Prozent verteuert werden, wenn die Autos 10 Prozent energieeffizienter werden? Und sollen Energieetiketten für Haushaltgeräte auch den absoluten Stromverbrauch des Geräts pro Jahr berücksichtigen?

Peter de Haan

Peter de Haan

hat an der ETH Zürich in Umweltphysik promoviert und leitet bei Ernst Basler + Partner das Tätigkeitsfeld «Ressourcen und Energiepolitik». Ihn interessiert, wie effiziente Technologien in den Markt eindringen und wie Konsumenten darauf reagieren. An der ETH Zürich ist er als Dozent in «Energie und Mobilität» tätig.

Reinhard Madlener

Reinhard Madlener

hat an der WU Wien in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften promoviert. Er befasst sich unter anderem mit energiepolitischen Massnahmen und Wirkungen und den ökonomischen Aspekten der Technologiediffusion. Seit 2007 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftswissenschaften, insbesondere Energieökonomik, an der RWTH Aachen und Direktor des Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior (FCN).