Wir wissen nicht, was kommt - entscheiden müssen wir dennoch

Wir wissen nicht, was kommt – entscheiden müssen wir dennoch

«Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen». Das gilt auch für die Energiewende. Welche Auswirkungen haben Klimaveränderungen auf Umwelt und Gesellschaft? Wie verändern technologische Entwicklungen unseren Energieverbrauch? Welchen Preis zahlen wir für Strom in 30 Jahren? Läutet die Kernfusion eines Tages die nächste Energiewende ein? Wir wissen es nicht. Und trotzdem müssen wir heute über die Gestaltung unserer Energiezukunft entscheiden. Richtige oder falsche Entscheidungen gibt es in dieser Situation nicht. Wenn wir aber einige Grundprinzipien befolgen, können wir bessere Entscheidungen treffen.

Die Energiestrategie des Bundes hat einen langfristigen Blickwinkel: Sie will bis 2050 den Ausstoss der Treibhausgase deutlich reduzieren und aus der Atomenergie aussteigen. Ohne weltweite Reduktion der klimarelevanten Treibhausgase sind auch für die Schweiz einschneidende Auswirkungen infolge der Klimaveränderung zu erwarten. Extremwettersituationen und in der Folge Ernteausfälle, Schäden an Infrastrukturen, Unterbrüche von Verkehrswegen oder die Schädigung von Siedlungsgebieten können zunehmen. Aber auch indirekte Auswirkungen einer globalen Klimaveränderung dürften wir in der Schweiz stark spüren, beispielsweise über verstärkte Migrationsbewegungen.

Das Dilemma

Wir sind im Dilemma. Während US-Präsident Barack Obama die Welt warnt, «dass wir unsere Kinder nicht zu einer irreparabel geschädigten Welt verurteilen dürfen», bezeichnet der frühere tschechische Staatspräsident Václav Klaus den Klimaschutz als «Öko-Terrorismus». Ohne zu wissen, was uns die Zukunft bringt, müssen wir heute Veränderungen anstossen und richtungsweisende Entscheide treffen. Und selbst wenn wir nichts verändern, so entscheiden wir heute für die nächsten Generationen – zumindest implizit. Aber können wir überhaupt wegweisende Entscheide treffen, wenn wir deren Folgen nur vage abschätzen können? Wie können wir mit nicht vorhersehbaren Entwicklungen (sogenannten «Black Swans») wie zum Beispiel der Erfindung eines «perfekten» Energiespeichers umgehen?

Richtige oder falsche Entscheidungen? Bessere Entscheidungen!

Dass wir alle, die Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft, Entscheide treffen müssen ohne alle Konsequenzen zu kennen, ist Alltag. Die Energiewende und die damit verbundenen Entscheide sind aber aussergewöhnlich in ihren Dimensionen. Dies gilt einerseits bezüglich der Tragweite ihrer möglichen Konsequenzen, andererseits ist auch der Zeithorizont der Wirkungen sehr langfristig, ja gar generationenübergreifend. Und viele Entwicklungen sind kaum absehbar: So ist es beispielweise schwierig zu prognostizieren, welche Folgen die Senkung des zulässigen CO2-Austosses bei Autos haben wird. Genauso wenig wissen wir, ob stetige Veränderungen des Klimas plötzlich schlagartige Veränderungen in unseren Ökosystemen bewirken können, wie das in den 80er-Jahren mit dem Waldsterben befürchtet wurde. Richtige oder falsche Entscheidungen gibt es in dieser Situation nicht! Aber wir können bessere oder schlechtere Entscheidungen fällen. Bessere Entscheidungen basieren auf transparenten, nachvollziehbaren Grundlagen und einigen einfachen Grundprinzipien.

Das Ganze sehen und verstehen

Die Energiewende betrifft alle Lebensbereiche. Sie erfordert technologische, organisatorische und institutionelle Massnahmen und setzt Verhaltensänderungen von uns allen voraus. Die Wechselwirkungen und Abhängigkeiten dieser Massnahmen sind komplex und nicht einfach zu erkennen. Je komplexer ein System und seine Wechselwirkungen aber sind, desto eher tendieren wir dazu, uns auf komplexe Datenberge und eine wahre Informationsflut oder aufwändige Simulationsmodelle abzustützen. Oft verlieren wir dabei den Überblick über das Gesamtsystem und die massgeblichen Zusammenhänge. Ein Beispiel? Die Finanzindustrie investiert weltweit jährlich Milliarden in Prognosemodelle und aufwendige Datenanalysen. Dennoch konnten weder die Dotcom-Krise im Jahr 2000 noch die Finanzkrise von 2008 rechtzeitig erkannt und abgewendet werden. Deshalb: Für gute Entscheidungen braucht es zumindest ein grobes grundlegendes Verständnis der Wirkungen unseres Handelns. Hierbei können pragmatische Modelle und strukturierte Vorgehensweisen – wie nachfolgend skizziert – helfen.

In Szenarien denken und diese in Zahlen und Bilder fassen

Durch das systematische Beschreiben von möglichst repräsentativen Szenarien können wir uns ein besseres Bild über mögliche Entwicklungen machen. Dies erlaubt uns darüber hinaus, die Ungewissheit besser zu vermitteln. Ein Beispiel dafür sind die Szenarien des Bundesamtes für Statistik (BFS) zur Entwicklung der Bevölkerung in der Schweiz, welche in der sechsten Auflage vorliegen. Gute Szenarien zeichnen sich durch eine möglichst präzise und allgemein verständliche Formulierung aus. Hilfreich ist es, Szenarien mittels Zahlen zu konkretisieren und mit anschaulichen Grafiken und Bildern zu illustrieren. Das macht sie besser verständlich, transparent und diskutierbar: «Der Energiebedarf pro Person wird sich bis ins Jahr 2050 verdoppeln» ist viel fassbarer als die Aussage «Der Energiebedarf wird künftig deutlich steigen». Eine solche Quantifizierung liefert zwar keine «besseren» Ergebnisse, zeigt aber Grössenordnungen auf und trägt insbesondere zu einem besseren Verständnis bei.

Risiken und Chancen erkennen

Die erwarteten Konsequenzen unserer Entscheidungen müssen wir stets aus dem Blickwinkel der damit verbundenen Risiken und Chancen beurteilen. Etablierte Verfahren und Methoden ermöglichen es uns, Auswirkungen für Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt einheitlich zu erfassen und zu bewerten und sie so einander gegenüberstellen und zu vergleichen. Das so genannte Risikomanagement wird heute in zahlreichen Themenbereichen erfolgreich angewendet. Es schützt uns nicht vor unliebsamen Ereignissen und Entwicklungen; wir können uns aber besser darauf vorbereiten und Entscheidungen treffen, um die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens oder die Konsequenzen zu mindern. Unsere Erfahrungen zeigen, dass wir alle Ereignisse mit besonders grossen oder gar irreversiblen Auswirkungen stark wahrnehmen und in unsere Entscheidungen einfliessen lassen. So erhalten Störfälle in Kernkraftwerken oder grossflächige Ölverschmutzungen mit Auswirkungen, die weit über die unmittelbaren Konsequenzen hinausgehen können, einen überproportionalen Stellenwert (social amplification of risk). Mit einer expliziten Berücksichtigung im Risikomanagement können wir bewusster auch mit solchen Effekten umgehen.

Dem Bauchgefühl Platz lassen!

Schon Fjodor Dostojewski wusste: «Wäre alles auf Erden rational, würde nichts geschehen.» Wie dargelegt, tendieren wir dazu, komplexe Fragen oft mit komplexen Analysen zu beantworten. Dabei besteht auch die Gefahr, dass komplexe, wissenschaftliche Ergebnisse und Expertenmeinungen zu wenig hinterfragt und ihre Plausibilität nicht geprüft wird. Deshalb muss als letzter Schritt vor jeder Entscheidung neben den rationalen Aspekten auch der intuitiven Beurteilung, dem intuitiven Hinterfragen genügend Platz eingeräumt werden. Gerade wenn nicht alle möglichen Entwicklungen und die damit verbundenen Chancen und Risiken bekannt sind, verlangen gute Entscheidungen auch Intuition! Dazu gehört auch, dass Grundlagen und Entscheidungen periodisch immer wieder überprüft und kritisch – also auch «mit dem Bauch» – hinterfragt werden sollten: Was haben die Massnahmen bewirkt? Liegen neue Erkenntnisse vor, welche die ursprünglichen Beurteilungen in einem neuen Licht erscheinen lassen? Gegebenenfalls müssen dann auch Anpassungen vorgenommen werden.

Treffen wir heute gute Entscheidungen!

Mit der Energiewende müssen wir bereits heute die Entscheidungen für die Generation von morgen treffen. Wenn wir dabei die oben skizzierten Grundprinzipien beachten, bei den Lösungsansätzen nicht alles auf eine Karte setzen und Spielraum für Korrekturen lassen, dann legen wir die Grundlage für eine belastbare Strategie; eine Strategie die verzeiht und weniger anfällig ist für unerwartete Entwicklungen.

Was denken Sie? Wie würden Sie entscheiden, wenn sie als Bundesrat die künftige Energie- und Klimastrategie der Schweiz bestimmen müssten? Welche Aspekte würden Sie in Ihrer Entscheidung besonders berücksichtigen?

Christoph Zulauf

Christoph Zulauf

hat an der ETH Zürich Umweltingenieurwesen studiert und leitet heute den Geschäftsbereich Sicherheit bei Ernst Basler + Partner. Der systematische Umgang und das Management von Chancen und Risiken in unterschiedlichsten Themenfeldern ist einer seiner Tätigkeitsschwerpunkte.

Hans Bohnenblust

Hans Bohnenblust

hat an der ETH Zürich und am MIT in den USA studiert und befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit Technologiefolgeabschätzungen und Kosten-Nutzen-Analysen in verschiedensten Technik- und Gesellschaftsbereichen. Er leitet bei Ernst Basler + Partner den Geschäftsbereich Ressourcen, Energie + Klima.

Paul Slovic

Paul Slovic

gehört zu den weltweit führenden Forschern auf dem Gebiet der Risikowahrnehmung und der Entscheidungsfindung bei Unsicherheit. Er ist Präsident von Decision Research, einem Think Tank in Oregon, und Professor für Psychologie an der University of Oregon.
www.decisionresearch.org

3 Kommentare

  • Manou Pfeiffenschneider
    29. Oktober 2015 um 12:52

    Zur Frage Entscheidungen treffen ohne das endgültige Wissen zu besitzen, verweise ich auf dieses interessant youtube-Video… Sehr vereinfachend aber sehr einleuchtend…

    https://www.youtube.com/watch?v=zORv8wwiadQ

    Zudem: selbst wenn es die menschengemachte Klimaveränderung nicht geben würde, hätten wir als Mitteleuropäer ein großes Interesse daran, weniger abhängig vun Energieimporten z.B. aus Russland oder dem Nahen Osten zu werden und mit Energieeffizienzsteigerung, Energiesparen und der Förderung erneuerbarer Energien für einen Innovationsschub und die Schaffung von ökonomischem Mehrwert in unseren Ländern zu sorgen… In diesem Szenario gehen die „Kosten“ dann größtenteils in unsere (nachhaltige) Ökonomie mit den entsprechenden Arbeitsplätzen.

    • Christoph Zulauf
      Christoph Zulauf
      2. November 2015 um 17:13

      Besten Dank für den Hinweis! Das erwähnte Video zeigt u.a. eine Grundlage guter Entscheidungen: Mit einer strukturierten Herangehensweise und Mut zum Pragmatismus lassen sich auch sehr komplexe Zusammenhänge fassbar(er) darstellen und diskutieren. Das alleine reicht nicht immer für gute Entscheidungen, kann aber ein Problem und die dahinterliegenden Fragen sehr viel besser verständlich machen.

  • Christian Lüthi
    29. Oktober 2015 um 21:47

    Das Bauchgefühl ist die Summe unserer Erfahrungen. Homo Sapiens erlebt jedoch das erste Mal, dass er die Zusammensetzung der Atmosphäre mit seinem Handeln so verändert, dass seine Lebensgrundlage bedroht wird. Wir stehen vor einer evolutionären Herausforderung, bei der wir sowohl den Kopf als auch den Bauch brauchen werden. Wie viel Sinn macht es da, dass unsere Nationalbank Abermilliarden in fossile Energieträger investiert? Wie wird sie die Preisstabilität gewährleisten, wenn der Klimawandel die Wirtschaft schädigt oder wenn fossile Energiereserven ihren Wert verlieren? Mehr dazu auf http://mein-geld-ist-sauber.ch/

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