Alles Energie oder was? Abfallwirtschaft und die Energiewende

Alles Energie oder was? Abfallwirtschaft und die Energiewende

Rund 700 Kilogramm Siedlungsabfälle fallen in der Schweiz pro Person und Jahr an. Diese bergen ein beträchtliches Energiepotenzial, das über eine energetische Verwertung genutzt werden kann. Abfälle sind jedoch weit mehr als Energie. Die darin enthaltenen Rohstoffe können zur Herstellung von neuen Produkten verfügbar gemacht werden. Die national ausgerichtete Energie- und Klimapolitik steht einer optimalen Verwertung teilweise jedoch im Weg.

Energie aus Abfall deckt heute rund 3,5 Prozent des schweizerischen Endenergieverbrauchs und trägt – die Wasserkraft ausgenommen – nach wie vor den bedeutendsten Anteil zur erneuerbaren Stromproduktion bei. Damit leistet die Abfallwirtschaft einen Beitrag zur Energiewende und zum Klimaschutz in der Schweiz. Denn selbst der in unseren Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) verfeuerte Restmüll gilt aufgrund seiner stofflichen Zusammensetzung zu 50 Prozent als erneuerbar. Die Energieproduktion aus Abfällen ist für die Abfallentsorger ein Geschäftsmodell, unter anderem auch, weil die Produktion von Strom, Wärme und Brennstoffen aus erneuerbaren Quellen durch die Energie- und Klimapolitik gefördert wird (z.B. über die kostendeckende Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren Quellen). Heisst dies nun, dass wir Abfälle auf Teufel komm raus im Inland energetisch verwerten sollen?

Systemgrenze Schweiz in der Energie- und Klimapolitik

Die Energie- und Klimapolitik verfolgt einen nationalen Ansatz. Das Hauptziel besteht darin, die erneuerbare Energieproduktion im Inland zu steigern bzw. die inländischen Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Ein grosser Teil unserer täglichen Konsumgüter wird jedoch im Ausland hergestellt. Die dafür erforderliche Energie und die dabei emittierten Treibhausgase fallen deshalb nicht in der Schweiz an, obwohl sie auf die Befriedigung unserer Bedürfnisse zurückzuführen sind. Verschiedene Studien (z.B. hier oder hier) zeigen, dass mehr als die Hälfte des mit unserem Konsum verbundenen ökologischen Fussabdrucks im Ausland anfällt und als graue Energie bzw. graue Umweltbelastung versteckt in den importierten Gütern in die Schweiz gelangt. Das der Energie- und Klimapolitik zu Grunde liegende Territorialitätsprinzip hat aber zur Folge, dass Emissionsreduktionen im Ausland im nationalen Treibhausgasinventar nicht ausweisbar sind, auch wenn die importierten Güter in der Schweiz konsumiert werden.

Energie- und Klimapolitik als Barriere für gesamtökologisch sinnvolle Recyclinglösungen?

Aber was heisst dies nun für den Umgang mit Abfällen in der Schweiz? Wie eingangs erwähnt, wirkt sich die Energieproduktion aus Abfall (energetische Verwertung) positiv auf die energie- und klimapolitischen Zielgrössen der Schweiz aus: Es werden mehr erneuerbare Energie produziert und die Treibhausgas-Emissionen im Inland reduziert. Aber auch die stoffliche Verwertung von Abfällen (Recycling) führt zur Reduktion des Energieverbrauchs und damit zur Verminderung von Treibhausgasemissionen. Jeder Rohstoff, der aus Abfall zurückgewonnen und für die Herstellung von neuen Produkten verwendet wird, muss nicht von Grund auf neu hergestellt werden. Beispielsweise werden für die Herstellung von 1 Kilogramm PE-LD-Folien (Polyethylen, low density) insgesamt ungefähr 80 MJ Energie benötigt, der überwiegende Anteil aus fossilen Energieträgern. In einer energieeffizienten KVA können daraus unter Berücksichtigung des Sammel- und Entsorgungsaufwands rund 20 MJ/kg Strom und Wärme für weitere Verwendungen nutzbar gemacht werden. Für die Herstellung eines Recycling-Granulats aus sortenreinem PE müssen insgesamt 20 MJ/kg aufgewendet werden, für die Primärproduktion eines vergleichbaren Granulats hingegen 70 MJ/kg. Mit einer einmaligen stofflichen Wiederverwertung können entsprechend um die 50 MJ/kg Energie eingespart werden. Aus einer globalen, gesamtenergetischen Perspektive wäre ein Recycling dieser Abfallfraktion also klar vorzuziehen. Aus Sicht des schweizerischen Klimaschutzes besteht das Problem einzig darin, dass die eingesparte Energie und die reduzierten Treibhausgasemissionen auch im Ausland anfallen, da die Herstellung der Granulate teilweise nicht in der Schweiz stattfindet und somit für die energie- und klimapolitische Zielerreichung nicht anrechenbar sind. Für das Klima spielt es jedoch keine Rolle, ob ein Treibhausgas in der Schweiz oder irgendwo sonst auf der Welt in die Atmosphäre emittiert wird.

Was ist denn nun gesamtökologisch sinnvoll?

Das Kunststoff-Beispiel soll nicht nahelegen, dass Abfälle aus gesamtökologischer Sicht grundsätzlich besser dem Recycling zugeführt als energetisch verwertet werden. Die Frage nach der besten Verwertung von Abfällen hängt von verschiedenen Faktoren ab und ist für jede Abfallfraktion spezifisch zu beantworten; ein vielversprechender Ansatz dabei ist die Kaskadennutzung. Der Energieinhalt eines Abfalls wird durch die stoffliche Verwertung nicht zerstört, so dass eine energetische Verwertung gegebenenfalls auch nach mehreren zusätzlichen Produktleben noch möglich wäre.

Diese Ausführungen sind vielmehr ein Plädoyer dafür, derartige Entscheidungen auf der Grundlage von gesamtsystemischen Analysen zu treffen, welche auch über den Klimawandel hinausgehende Wirkungen auf die Umwelt einbeziehen. Auch wenn dabei herauskommen sollte, dass bestimmte Abfallfraktionen gesamtenergetisch zukünftig besser zu recyceln sind, obwohl der wegfallende energetische Nutzen in der Schweiz zu einem höheren Bedarf nach inländischer Energieproduktion mit allenfalls zusätzlichen Treibhausgasemissionen im Inland führt.

Was denken Sie? Stehen die energie- und klimapolitischen Anreizstrukturen einer gesamtheitlich optimierten Abfall- und Ressourcenbewirtschaftung im Weg? Kennen Sie konkrete Beispiele, welche diesen Zielkonflikt zwischen umweltpolitischen Teilzielen zeigen?

Andy Spoerri

Andy Spoerri

ist bei Ernst Basler + Partner für Ressourceneffizienz und Abfallmanagement zuständig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Entwickeln von Konzepten und Entscheidungsgrundlagen für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und Abfall. An der ETH Zürich ist er als Dozent in «Zukunftsorientierte Umweltbewertung» tätig.

Stefanie Hellweg

Stefanie Hellweg

ist Professorin für ökologisches Systemdesign am Institut für Umweltingenieurwissenschaften der ETH Zürich. Schwerpunkte ihrer Forschung sind die Modellierung, Bewertung und Verbesserung der Umweltwirkungen technischer Systeme. Daneben ist Stefanie Hellweg Mitglied verschiedener akademischer Gremien und Beiräte.

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