Wenn die Energiewende im eigenen Garten stattfindet

Wenn die Energiewende im eigenen Garten stattfindet

Will die Schweiz die Energiewende packen, braucht sie neue Produktionsanlagen für erneuerbare Energien. Neben der positiven Wirkung auf das Klima haben diese Anlagen aber auch Nebenwirkungen, insbesondere auf die Umwelt. Wie gehen wir damit um? Am besten mit einer sorgfältigen, ganzheitlichen und transparenten Planung.

Eine fiktive Geschichte: Freitagnachmittag. Die Arbeit ist geschafft und die Vorfreude gross. Später kommen Freunde zum Grillieren vorbei. Der Grill auf der Terrasse heizt schon, der Blick schweift in die Ferne – und bleibt hängen: Was ist das für ein Baugespann auf dem Hügel? Doch nicht etwa für eine Windkraftanlage? Und der Geruch in der Nase? Kommt der etwa von der neuen Biogasanlage in unserem Dorf? Dass das Dach der pittoresken Scheune auf dem Nachbargrundstück letztes Jahr mit einer Photovoltaik-Anlage versehen wurde, verschönert die Aussicht auch nicht gerade. Wir beziehen zwar selbst 100%-Ökostrom, aber muss der unbedingt in unserer Nachbarschaft erzeugt werden?

Was ist überhaupt Ökostrom?

Die Stromanbieter verkaufen uns den Strom mit so tollen Produktnamen wie

  • PUREPOWER (spontane Assoziation: «…klingt wie ein Waschmittel»),
  • SOLARTOP («…hört sich an wie ein Cabriolet»),
  • ÖKOPOWER («…als würden die Frösche ein Halleluja dazu quaken»),
  • NATURE STAR («…ein Griff nach den Sternen?»).

Was soll man nun wählen als Privatkunde, dem die Natur am Herzen liegt? Und was genau ist überhaupt Ökostrom?

Ökostrom wird in der Regel als Überbegriff für Strom aus erneuerbaren Energien benutzt, er ist also klimafreundlich. Die Bezeichnung Ökostrom suggeriert auch, dass der Strom umweltfreundlich ist. Die Umweltauswirkungen durch Ökostrom können aber durchaus beachtlich sein.

Umweltauswirkungen gibt es bei jedem Energieträger

Nicht nur die Produktion von erneuerbaren Energien wirkt sich auf die Umwelt aus. Denn insbesondere fossile Energieträger belasten nicht nur das Klima: Öllecks, Bodenabsenkungen, giftige Abwässer, Primärwald-Abholzungen für Teersandabgrabungen, Bohrungen in Tiefsee oder Arktis. Das ist aber alles weit weg von unserem Garten. Die Auswirkungen der erneuerbaren Energien, deren Ausbau die Energiestrategie vorsieht, sind hingegen lokal bis regional sichtbar:

Wasserkraft: Der Gewässerökologie wird Lebensraum genommen, da die Flüsse nur noch Restwasser führen. Grosse Speicherseen nehmen wiederum der terrestrischen Fauna ihren Lebensraum, Schwall und Sunk erschweren die Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten der Fische und die Landschaft wird verändert.

Windkraft: In der Schweiz befinden sich die windexponierten Standorte auf den Bergkreten. Schön von weit her sichtbar und damit im Konflikt mit dem Landschaftsschutz. Zugvögel kollidieren mit den Rotoren und der wechselnde Schattenwurf kann für Anwohner wirklich nervtötend sein.

Solarenergie: Solaranlagen auf Gebäuden stören allenfalls den Menschen, nicht aber die Natur. Photovoltaik-Anlagen auf dem freien Feld oder an Felswänden haben Auswirkungen auf Landschaftsschutz, Flora und Fauna.

Biomasse: Landwirtschaftliche Biogasanlagen können bei ungünstiger Wetterlage und schlechtem Betriebskonzept Geruchsbelästigungen verursachen und damit uns Menschen stören. Aber immerhin befinden sie sich bereits in einem Gebiet, das vorbelastet ist mit landwirtschaftlichen Gerüchen, die auch nicht zu jeder Grillparty passen. Zudem bringen landwirtschaftliche Biogasanlagen auch den Vorteil, dass vergorene und damit weniger geruchsintensive Gülle auf die Felder gebracht wird.

Umweltwärme: Kleine dezentrale Anlagen zur Wärmegewinnung im Winter und zur Kühlung im Sommer bringen nur geringe Auswirkungen und Risiken mit sich. Grosse Geothermieprojekte sind da schon heikler, wie man in Basel und St. Gallen feststellen musste.

Was sind die Lösungen?

Wird also mit der Energiewende der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben? Nein, der Klimaschutz ist wichtig. Um CO2-Emissionen zu reduzieren, sind innovative Lösungen und Technologien mit möglichst geringen Nebenwirkungen gefragt. Zwischen Energieerzeugung und anderen Interessen gibt es viele Konflikte. Auf dem Weg zur Energiewende sind diese zu lösen bzw. zumindest zu entschärfen. Die Frage lautet: «Aber wie?»

Partizipation: Es ist wichtig, bereits in der Planung die verschiedenen Interessenvertreter einzubeziehen und wo möglich anderen Interessen entgegenzukommen. Dies gilt natürlich nicht nur für die Energieproduzenten. Auch die Umweltschutzorganisationen müssen kompromissbereit sein. Wichtig dabei ist, dass auch ein gemeinsames Ziel verfolgt wird: eine möglichst CO2-freie Stromproduktion. Um das gemeinsame Ziel zu erreichen, muss jeder auch etwas geben. Nur wenn alle am selben Strick ziehen, kann die Energiewende gelingen.

Umweltauswirkungen abschätzen, Interessen abwägen: Willkommen in der Realität! Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energien müssen den gleichen sorgfältigen Bewilligungsprozess durchlaufen wie alle anderen Anlagen auch. Die grossen Kraftwerksanlagen sind heute und werden auch in Zukunft UVP-pflichtig sein. Das heisst, um eine Baubewilligung zu erhalten, müssen in einem Umweltverträglichkeitsbericht die Auswirkungen auf die Umwelt aufgezeigt und die Einhaltung des Umweltrechts nachgewiesen werden. Das ist und bleibt so. In diesem Punkt ist die Schweiz bereits sehr gut aufgestellt für die Umsetzung der Energiestrategie. Für eine Interessenabwägung Energieproduktion vs. Umweltauswirkungen sollte ein Vergleich zwischen der neuen Anlage mit konventionellen Energieanlagen durchgeführt werden.

Koordinierte Planung: Eine strategische und überregionale Planung kann helfen, die Auswirkungen auf die Umwelt in Grenzen zu halten. Die Instrumente heissen Richtplanung, Strategische Umweltprüfung, Schutz- und Nutzungsplanung. Alle sind bereits vorhanden. Bezüglich der Energiewende müsste die Politik diese aber noch mehr nutzen.

Grundsätzlich ist klar: Neue energieerzeugende Anlagen haben auch Nebenwirkungen auf die Umwelt. Keiner sieht diese gerne vor der eigenen Haustüre oder in seinem bevorzugten Erholungsgebiet. Eine gute Gestaltung und Einordnung in die Landschaft kann aber viel helfen. Mit mehr Partizipation, mehr Verständnis für die Interessen der Anderen und einer gesunden Portion Kompromissbereitschaft sowie dem Verständnis dafür, dass jeder auch seinen Teil beitragen muss, ist die Energiewende in der Schweiz zu schaffen. Eine vorausschauende Planung ist dabei ein Muss.

Und wenn es beim nächsten Grillfest mal wieder nach Biogasanlage riecht, dann laden Sie doch den Landwirt gleich mit ein. Er kann sich dann selbst ein Bild der olfaktorischen Situation machen, und nebenbei wird er Ihnen die Vorteile seiner Biogasanlage hinsichtlich Klimaschutz erklären. Profitieren tun alle.

Holger Frantz

Holger Frantz

hat an der Universität Hamburg Meteorologie studiert und sich im Bereich Umweltmeteorologie und Lufthygiene spezialisiert. Bei Ernst Basler + Partner leitet er das Tätigkeitsfeld Umweltplanung und besitzt 15 Jahre Erfahrung in der Umweltbeurteilung und Erstellung von Umweltverträglichkeitsberichten im Energieanlagen-, Wasser-, Tief- und Hochbau.

Andreas Zysset

Andreas Zysset

hat an der ETH in Zürich und Lausanne Kulturingenieurwesen studiert und im Bereich der Grundwassermodellierung dissertiert. Er besitzt mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Beurteilung und Realisierung von Umweltprojekten in der Schweiz und im Ausland. Bei Ernst Basler + Partner leitet er den Geschäftsbereich Umwelt und Wasser.

2 Kommentare

  • Christian Lüthi
    24. September 2015 um 11:52

    Ein künftiger Blog-Post könnte heissen: Wenn die Energiewende im eigenen Bankkonto stattfindet. In der Schweiz übersteigt der CO2-Ausstoss, der durch Geldanlagen verursacht wird, bei weitem den CO2-Ausstoss aus dem Konsum inkl. Strom, graue Energie etc. Was haltet Ihr von der Idee, diesen Aspekt ebenfalls zu beleuchten?

    • Andreas Zysset
      Andreas Zysset
      24. September 2015 um 14:45

      Dieser Ansatz gefällt mir. Er zeigt eben sehr gut, dass sich unsere Handlungsmöglichkeiten nicht in der Bewilligung oder Ablehnung einer neuen Energieanlage im eigenen Garten erschöpfen. Die Schweiz als hoch entwickeltes Land hat auch andere Möglichkeiten: Gute Ideen einbringen, sei es in internationalen Diskussionen und Verhandlungen oder im eigenen Handeln. Immerhin betragen die schweizerischen Direktinvestitionen im Ausland rund 1‘000 Mia. Franken (das ist eine Eins mit vielen Nullen …zwölf!).

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