Die Bauwirtschaft in der Energiewende: Wie steigern wir Innovation und Suffizienz?

Die Bauwirtschaft in der Energiewende: Wie steigern wir Innovation und Suffizienz?

Im Gebäudebereich lässt sich der Energieverbrauch deutlich senken, so der einstimmige Tenor aus Politik, Wirtschaft und Fachwelt. Gleichzeitig ist die Trägheit der Bauwirtschaft bekannt. Wie soll es so möglich sein, den Energieverbrauch in nur 35 Jahren zu halbieren? Wir berichten von unseren Erfahrungen.

Unser Gebäudepark ist langlebig: In der Schweiz wird ein Haus im Schnitt so alt wie ein Mensch, nämlich rund 80 Jahre. Der Zeithorizont 2050 der Energiestrategie erscheint im Vergleich dazu kurz. Zwar haben einzelnen Gebäudeteile und -elemente oft eine kürzere Lebensdauer. Dennoch bedeutet jede Chance, die wir heute, im Jahr 2015, bei der Planung eines Bauvorhabens verpassen, dass bis 2050 (und darüber hinaus) ein Gebäude weniger zur Energiewende beiträgt.

Wann Bauherren sich für energetische Massnahmen entscheiden – und wann eher nicht

Ob Eigentümerinnen oder Eigentümer sich für energetische Massnahmen entscheiden, die über den üblichen Rahmen hinausgehen, hängt unserer Erfahrung nach von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, ob sie eine Perspektive für die Nutzung ihrer Immobilie sehen: Wer das Gebäude in zwei Jahren verkauft, wird sich überlegen müssen, ob der Markt ihm diesen Mehrwert vergütet. Wer das Gebäude selbst nutzt, wird dagegen Jahr für Jahr auf der Energierechnung sehen, wie sich die Investitionen langsam amortisieren. Selbstverständlich spielen auch die finanziellen Möglichkeiten eine Rolle: Kann ich mir die energetische Sanierung leisten? Oder die ideellen Wertvorstellungen: Die Energiewende geht uns alle an. Also müssen wir auch einen Beitrag leisten! Oder?

Energiewende ja, aber wie?

Um die Energiewende umsetzen zu können, müssen wir nachhaltig wirtschaften. Dazu gibt es drei Strategien: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Die Effizienzstrategie zielt auf den Ersatz bestehender Produkte und Prozesse durch nachhaltigere. Die Konsistenzstrategie hat die Schliessung von Kreisläufen, beispielsweise von Wärme, zum Ziel. In Energiediskussionen werden meist erneuerbare Energien unter der Konsistenzstrategie zusammengefasst. Die Suffizienzstrategie fokussiert dagegen darauf, das Verhalten und die Bedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten zu verändern. Was theoretisch als hippes Dreigespann daher kommt, ist in der Praxis eher eine Zweck-Wohngemeinschaft: Selten ist einer da. Vor allem die Suffizienz fehlt eigentlich immer.

Für Effizienz und Konsistenz braucht es Innovation

Vergleicht man beim Austausch einer Ölheizung aus dem Jahr 1980 die Effizienz mit einer Ölheizung aus dem Jahr 2015, so ist diese dank technischem Fortschritt wesentlich höher. Für die Energiewende ist diese Effizienzsteigerung jedoch nicht ausreichend. Wir müssen weiter gehen: Über einen deutlich geringeren Wärmeverbrauch sprechen und über den Einsatz erneuerbarer Energie. Für echte Beiträge braucht es Innovationen, die beispielsweise dazu führen, dass wir ein Schwimmbad durch die Abwärme eines Rechenzentrums heizen oder ein Büro mit Seewasser kühlen.

Kein Geld, keine Zeit, zu kompliziert: Warum Innovationen in der Bauwirtschaft häufig ausbleiben

Bauen erfordert sehr hohen Kapitaleinsatz – vielleicht liegt es daran und an der langen Bindung des Kapitals, dass man sich in der Bauwirtschaft lieber auf Altbewährtes verlässt. Eine Studie unter Herstellern aus dem Rohbau-, Ausbau- und Installationsbereich im Jahr 2009 hat gezeigt, dass vor allem drei Gründe der Innovation im Wege stehen: knappe finanzielle Ressourcen, fehlende zeitliche Ressourcen und zu komplizierte Innovationsprozesse. Auch fehlende Motivation und Angst vor Innovationsprozessen wurden genannt. Neben diesen Faktoren können auch imperfekte Märkte eine Rolle spielen: Obwohl sie zur Verfügung stünden, können Innovationen sich zuweilen am Markt nicht behaupten. In unserem Alltag erleben wir genau das: Der Bauherr verlässt sich auf den Stand der Technik und möchte kein Geld in «Experimente» investieren. Der Planer hat keine Zeit, um über neue Produkte und Kreisläufe nachzudenken. Und überhaupt: Wie soll man bei all den Einzelanfertigungen – aus denen sich Gebäude meist zusammensetzen – auch noch den Aufwand für Innovation bezahlen können?

Und wie steigern wir die Suffizienz?

Betrachten wir nach der Effizienz und der Konsistenz noch die Suffizienz. Sie zielt auf unsere Konsumgewohnheiten ab und ist damit eine unbequeme Strategie. Verfolgen könnte man sie beispielsweise über einen geringeren Pro-Kopf-Verbrauch an Wohnfläche oder etwas höhere Raumtemperaturen im Sommer. Aber wer ändert schon gerne seine Gewohnheiten, wenn es bisher angenehm war? Wenn die Umsetzung der Energiewende auf Ebene der Bauherren und Planungsteams schwierig war, betreten wir hier ein noch schwierigeres Terrain: Wie bewegen wir Nutzerinnen und Nutzer dazu, weniger Wohnfläche pro Kopf zu konsumieren? Wie dazu, weniger Warmwasser zu verbrauchen?

Bessere Grundrisse und kleine Gedankenanstösse

Wir meinen: Auch hier braucht es Innovation. Diese haben wir in Projekten angestossen, indem wir Wohnungsgrundrisse so gestalteten, dass Zimmer nochmals unterteilbar sind. Dadurch können Wohnungen flexibler genutzt und auch von mehr Personen belegt werden als ursprünglich geplant. Andere Möglichkeiten: Eine zwar kleine Wohnung wird mit guten, funktionalen Räumen und etwas zusätzlicher Raumhöhe ausgestattet – der Tageslichtgewinn ist enorm. Oder wir geben dem Nutzer ein direktes Feedback und sprechen seinen Ehrgeiz an, um ihn zum Energiesparen zu bewegen – beispielsweise, indem eine Anzeige an der Dusche nachvollziehbar macht, wie viel Wasser und Energie gerade durch die Leitung laufen (siehe hierzu auch «Wie smart müssen unsere Gebäude sein?»). Auch diese Beispiele haben wir bereits in Projekten umgesetzt.

In Babyschritten zur Energiewende

Wir sind sicher, die Energiewende ist möglich. In der Bauwirtschaft wird es viele kleine Einzelmassnahmen brauchen, um uns in Babyschritten in Richtung Energiewende zu entwickeln. Diese Babyschritte setzen gemäss unserer Erfahrung primär beim Bauherrn oder der Bauherrin an. Wenn diese überzeugt sind, ist meist auch das Planungsteam von der Idee gepackt. Um bis zum Ende eines Neu- oder Umbauprojekts durchzuhalten, Innovationen nicht über Bord zu werfen, sobald Hürden auftreten, sondern kontinuierlich nach umsetzbaren Lösungen zu suchen, dafür braucht es aber einen langen Atem. Und schliesslich gilt beim Abschluss des Projekts: Nach dem Projekt ist vor dem Projekt – häufig war der Nutzer bis dahin noch nicht bekannt und es gilt von neuem, die Ausbildung in Bezug auf ein energieeffizientes Gebäude zu leisten.

Was sind Ihre Erfahrungen? Wie lassen sich Bauherren, Planerinnen und Nutzer davon überzeugen, mit persönlichem Engagement die Energiewende umzusetzen?

Christine Steiner Bächi

Christine Steiner Bächi

hat langjährige Erfahrung im Bereich Projektentwicklung und Bauherrenberatung und leitet bei Ernst Basler + Partner den Geschäftsbereich Bauherrenberatung und Gesamtleitung Hochbau. Sie war massgeblich an der Erarbeitung und Formulierung der sia Dokumentation D0164 «Kriterien für nachhaltige Bauten» beteiligt und ist Vorstandsmitglied der SGNI und Auditorin DGNB Schweiz.

Sabrina Krank

Sabrina Krank

hat an der Universität Karlsruhe Architektur studiert und an der ETH Zürich im Bereich Nachhaltiges Bauen promoviert. Sie hat zahlreiche Erfahrungen in der Nachhaltigkeitsbewertung von Objekten und Arealen und berät Bauherren, Investoren, gemeinnützige Organisationen und öffentliche Stellen im In- und Ausland. Sie leitet bei Ernst Basler + Partner das Tätigkeitsfeld Nachhaltiges Bauen und ist Auditorin für das DGNB-Label der SGNI sowie Green Associate für das Label LEED.

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