"Unsere" Industrie - Vorreiterin auf dem Weg zur Energiewende?

«Unsere» Industrie: Vorreiterin auf dem Weg zur Energiewende?

Die Industrie ist ein wichtiger Energieverbraucher und damit ein relevanter Akteur in der Energiewende. Seit Einführung der CO2-Gesetzgebung ist die Industrie in der Pflicht, ihren Beitrag zur Energiewende zu leisten. Dies führt zu neuen Aufgabenbereichen und zu grossen Herausforderungen, aber auch Chancen, insbesondere in den stark international vernetzten Branchen.

Wenn wir es ernst meinen mit der Energiewende, sollten wir bei den grössten Energieverbrauchern anfangen – und damit bei der Industrie. Mit ihrer starken Lobby kann sie sich sonst aus der Verantwortung stehlen und mit der Politik Spezialbedingungen aushandeln – solche Aussagen sind von verschiedenen Seiten zu hören. Aber was wissen wir überhaupt über den Energieverbrauch der Schweizer Industrie und ihren Beitrag zur Energiewende und zum Klimaschutz?

Der Mythos « Energieschleuder Industrie»

Gemäss dem Schweizer Treibhausgasinventar trägt der Industriesektor mit 13 Prozent zu den Treibhausgasemissionen des nationalen Energieverbrauchs bei und liegt damit lediglich an dritter Stelle nach den Sektoren Verkehr und Haushalte/Dienstleistungen. Auch hat die Industrie in den letzten Jahren die durch den Energieverbrauch verursachten Treibhausgasemissionen signifikant gesenkt – zwischen 1990 und 2012 um ganze 10 Prozent. Und dies, obwohl der Energieverbrauch der Industrie im gleichen Zeitraum um rund 10 Prozent zugenommen hat.

Die Industrie – als erster Sektor in die Pflicht genommen

Aufgrund der grossen Einsparpotenziale pro Produktionseinheit, vielleicht aber auch wegen des Mythos, sie sei eine «Energieschleuder», steht die Industrie schon seit einigen Jahren im Fokus einer effizienten Klima- und Energiepolitik. Mit dem ersten CO2-Gesetz aus dem Jahr 2000 wurden Massnahmen zur – mehr oder weniger freiwilligen – Energieeffizienzsteigerung und Treibhausgasreduktion eingeführt. Im Gegenzug wurde die Industrie von der CO2-Abgabe befreit. Ein guter Deal – für die Industrie und auch für die Energiewende. Bis 2012 konnten die Firmen oft mehr als die geplanten Einsparungen umsetzen. Mit der Revision des CO2-Gesetzes wurde das System differenzierter, ja sozusagen föderalistischer. Grosse Firmen sind heute verpflichtet, am Schweizer Emissionshandelssystem (EHS) teilzunehmen, mittlere und kleine Firmen können sich weiterhin mit Zielvereinbarungen von der CO2-Abgabe befreien lassen und gleichzeitig Energie und Geld sparen. Die Industrie bekommt also scheinbar, was wir uns alle manchmal erträumen – den Fünfer und das Weggli!

Wenn der Umweltverantwortliche zum Broker wird

Mit den neuen Bestimmungen kommen aber auch neue Herausforderungen und Aufgaben auf die Industrie zu. Plötzlich muss sich der Umweltverantwortliche nicht nur um den Brennstoffverbrauch und Umweltfragen der Anlagen kümmern, sondern auch noch Emissionszertifikate handeln und entscheiden, wie viele Zertifikate zu welchem Preis ersteigert werden sollen. Das erfordert ein Umdenken und einiges an Flexibilität bei allen Beteiligten. Hinzu kommen zahlreiche administrative Abläufe für das Monitoring der Brennstoffverbräuche und zur CO2-Abgabebefreiung.

Die Industrie ist keine Profiteurin der Energiewende

Unsere Arbeiten zur Ermittlung und Überprüfung von Einsparpotenzialen und Energie- und CO2-Reduktionen zeigen: Viele Unternehmen haben diese Schritte mit Bravour gemeistert. Im Kontakt mit verschiedensten Industriefirmen wird uns aber auch immer wieder bewusst: Vor allem die energieintensive Industrie gehört nicht zu den Profiteuren der Energiewende. Die internationale Konkurrenz, vor allem aus Asien, beeinflusst mit tiefen Preisen den heimischen Markt. Im Ausland bestehen zudem vielerorts noch keine vergleichbaren Umweltvorschriften. Dadurch können Produkte mit tieferen Kosten produziert werden. Und so steht denn auch in der Schweiz in der Prioritätenliste die Senkung der Kosten vor der Umsetzung der Energiewende: So wird beispielsweise die vor Jahren beschlossene Umstellung von Braunkohle auf die emissionsärmere Steinkohle wieder rückgängig gemacht, wenn sich das Verfahren als teurer herausstellt.

Anreize müssen international geschaffen werden

Wenn die Schweizer Industrie weiterhin eine wichtige Rolle in der Energiewende spielen soll, ist der Blick über die Landesgrenzen hinaus zwingend. Es braucht ökonomische Anreize, die einerseits die internationale Konkurrenzfähigkeit der hiesigen Industrie erhalten, andererseits aber auch dafür sorgen, dass Schweizer Industriebetriebe mit effizienten Verfahren bei der Umsetzung der Energiewende im In- und Ausland ganz vorne mitmischen können. Diese Herausforderung ist sowohl für die Politik als auch die Industrie nur lösbar, wenn auf internationaler Ebene Anreize für den Einsatz erneuerbarer Energien und den sparsamen Umgang mit Ressourcen geschaffen werden.

Innovative Produkte als wichtiger Hebel

Die Schweizer Industrie trägt aber nicht nur mit der Steigerung ihrer Energieeffizienz und der Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen zur Energiewende bei. Ein weiterer wichtiger Beitrag ist die Entwicklung und Herstellung von innovativen Produkten. Der Flug von Solar Impulse ist ein prominentes Beispiel, um dies zu illustrieren. Es gibt jedoch unzählige andere, die abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit entstehen, wie beispielsweise hocheffiziente Abdeckungen für Kühl- und Tiefkühlmöbel, oder neuartige Vakuumpumpen für die Solarindustrie. Viele Schweizer Betriebe entwickeln solche innovativen Produkte, die in der Schweiz und im Ausland zum Einsatz kommen und über ihre gesamte Einsatzzeit einen Beitrag zur Energiewende leisten.

Kennen Sie andere Beispiele? Oder haben Sie Anregungen für neue innovative Produkte?

Denise Fussen

Denise Fussen

ist Umweltmanagerin und Ökonomin und leitet das Tätigkeitsfeld Klimaschutz und -anpassung bei Ernst Basler + Partner. Sie bearbeitet seit Jahren unterschiedliche Themen im Klimabereich, unter anderem das Emissionshandelssystem, Zielvereinbarungen oder die Validierung und Verifizierung von Klimaschutzprojekten.

Quirin Oberpriller

Quirin Oberpriller

hat an der TU München und der ETH Zürich Verfahrenstechnik sowie Atmosphären- und Klimawissenschaften studiert. In seiner Dissertation hat er die Funktionsweise von Zertifikatsmärkten und optimalen Anreizstrukturen für neue Technologien erforscht und neue Formen internationaler Klimaverträge konzipiert. Bei Ernst Basler + Partner beschäftigt er sich mit der Implementierung der Instrumente des Schweizer CO2-Gesetzes.

Leave a Comment