Bringen wir die Energiewende auf den Boden?

Bringen wir die Energiewende auf den Boden?

«Ja, aber …», so die kurze Antwort. Denn die Raumplanung ist ein Schlüsselelement auf dem Weg zur Energiewende, muss jedoch unterschiedliche Ansprüche an den Raum unter einen Hut bringen. Da hilft nur eine Politik der kleinen Schritte.

Die Raumplanung muss einen Beitrag zur Energiewende leisten – so viel scheint klar: «Als Folge eines schrittweisen Ausstiegs aus der Kernenergie ist der Zubau von Wasserkraft und von neuen erneuerbaren Energien sowie die Steigerung der Energieeffizienz in Gebäuden, bei Geräten und im Verkehr nötig.» In dieser Kurzformel der Energiestrategie 2050 lassen sich zentrale raumplanerische Fragen erkennen: Wo können Wasser-, Wind- und Solarkraftproduktionsanlagen realisiert werden? Wo entwickeln sich Siedlungen? Und in welchen baulichen Formen? Und wie planen wir unser Verkehrsnetz? Klar wird, die Energiewende findet nicht im luftleeren Raum statt. Früher oder später kommt sie in Form konkreter Projekte immer «in den Raum». Die Raumplanung wird dadurch zu einem Schlüsselelement einer erfolgreichen Energiewende.

Die Energiepolitik macht Raumentwicklung

Man kann die Geschichte aber auch von der anderen Seite betrachten. Ein Beispiel? Aufgrund einer kürzlich durchgeführten Studie kommt das Bundesamt für Energie zum Schluss: «Es gibt Hinweise darauf, dass am Ende des Tages eine energetische Sanierung für den Mieter zu einer Erhöhung der Mietzinsen führen kann.» Ein klassischer Zielkonflikt. Welche Konsequenzen hat dies für die soziale Durchmischung von städtischen Quartieren? Fördert man damit nicht die Verdrängung der ärmeren Bevölkerung, und preisgünstiger Wohnraum bleibt auf der Strecke? Erinnern Sie sich an den Einstiegssatz? Die Raumplanung muss einen Beitrag zur Energiewende leisten, klar! Aber aus Schwarz-Weiss wird im Einzelfall nicht selten Grau. Denn gleichzeitig muss die Raumplanung, so sie denn überhaupt massgeblich Einfluss nehmen kann, auch einen Beitrag leisten zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, zur Förderung des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens in den einzelnen Teilräumen und nicht zuletzt auch zu einer dezentralen Besiedlung des Landes. Und nun also auch noch zur Energiewende…

Wo Raumplanung und Energiepolitik sich treffen

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für die Wechselwirkungen zwischen Raumplanung und Energiepolitik gewachsen. Eine Studie des AWEL Zürich, die im Rahmen der langfristigen Raumentwicklungsstrategie (LaRES) erarbeitetet wurde, hat energetische Muster im Gebäude- und Mobilitätsbereich in unterschiedlichen Raumtypen analysiert. Das Fazit ist klar: Bewohnerinnen und Bewohner in städtisch geprägten, dichter besiedelten Räume weisen einen tieferen Energiebedarf auf, hauptsächlich deshalb, weil sie pro Person weniger Wohnfläche beanspruchen und eine geringere Mobilitätsnachfrage haben. In Zukunft wird sich dieser Effekt wahrscheinlich noch verstärken.

Auf dem Weg zu einer energieeffizienten Raumentwicklung

Will die Raumplanung wirkungsvoll zur Energiewende beitragen, steht sie vor grossen Aufgaben. Sie muss Anreize setzen, damit wir unsere Siedlungen weiter nach innen entwickeln und energieeffizient erneuern sowie die Siedlungsentwicklung und das Mobilitätssystem noch stärker als heute aufeinander ausrichten.

Leuchtturmprojekt Europaallee – auch mit kritischen Stimmen

Das Entwicklungsgebiet «Europaallee» unmittelbar beim Hauptbahnhof Zürich kann als «Leuchtturm» für eine energieeffiziente Raumentwicklung dienen. Die in beeindruckendem Tempo voranschreitende Veränderung lässt sich bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof Zürich gut beobachten. Das Gebiet wurde mit einer für schweizerische Verhältnisse sehr hohen Dichte konzipiert, passend zur hervorragenden Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr und der innerstädtischen Lage. Die einzelnen Gebäude werden nach den Standards des nachhaltigen Bauens umgesetzt. Typisch für die Raumentwicklung auch hier: Unterschiedliche Ansprüche an den Raum machen sich bemerkbar. Die soziale Durchmischung und die bauliche Dichte werden von einzelnen Akteuren kritisch diskutiert.

Von Aarau lernen

Nicht alle Gebiete können von dieser hervorragenden Erreichbarkeit und innerstädtischen Lage profitieren. Dennoch entstehen in der ganzen Schweiz gute Beispiele der Innenentwicklung. Gelungene Anschauungsbeispiele bietet die mit dem Wakkerpreis gekürte Stadt Aarau: In einer gesamtheitlichen Sicht wird auf dem Stadtgebiet unterschiedlich und differenziert mit Dichte umgegangen. Die verschiedenen Ansprüche werden aufgenommen und in den einzelnen Stadtgebieten auf die lokale Situation angepasst umgesetzt.

Die Raumplanung als Hemmschuh?

Die Raumplanung soll aber nicht nur unseren Energieverbrauch reduzieren helfen und die Energieeffizienz steigern, sondern auch die Erzeugung erneuerbarer Energien fördern. Die Erfahrung zeigt jedoch: Weder Innenentwicklung noch Umbau der Energieerzeugung lassen sich reibungsfrei umsetzen. Konflikte um die Projektierung von Übertragungsleitungen, Einsprachen gegen Wind- oder Wasserkraftanlagen, Widerstand gegen dichtere Siedlungen: Man kann Hindernisse bei der Umsetzung der Energiewende beklagen, der Raumplanung gar eine hemmende Rolle zusprechen. Dabei erfüllt die Raumplanung nur den ihr zugedachten Auftrag: Sie koordiniert unterschiedliche Interessen im Raum und bringt sie unter «einen Hut». Das geht nicht ohne Kompromisse. Obwohl langfristig ausgerichtet, schafft die Raumplanung keine statischen Ergebnisse. Neue Erkenntnisse, neue Verhaltensmuster, neue Technologien erfordern eine ständige Anpassung.

Die Raumplanung sind wir

Vor allem aber gilt: Die Raumplanung kann ihre Schüsselrolle in der Energiewende nur wahrnehmen, wenn die Gesellschaft mitmacht. Als Stimmbürgerin, als Stimmbürger haben wir immer wieder die Möglichkeit, uns direkt einzubringen: Entscheide zu Auf- oder Umzonungen, Investitionen in kommunale Infrastrukturen, neue Velowege, Gestaltungspläne mit neuen Siedlungs- oder Wohnformen, die Festsetzung baulicher Standards oder kommunale Energiekonzepte. Achten wir bei der nächsten Abstimmung oder Gemeindeversammlung darauf: Vielleicht entdecken wir ja einen kleinen Schritt hin zur Energiewende.

In welchen raumplanerischen Entscheiden in Ihrer Gemeinde oder Ihrem Kanton entdecken Sie Aspekte der Energiewende?

Kennen Sie gute Beispiele für Synergien zwischen Energiepolitik und Raumplanung? Oder haben Sie eine konkrete Idee, was diesbezüglich realisiert werden könnte?

Christof Abegg

Christof Abegg

leitet das Tätigkeitsfeld Stadt- und Regionalwirtschaft bei Ernst Basler + Partner und bearbeitet Raumentwicklungsprojekte auf unterschiedlichen Massstabsebenen, von der Konzeption nationaler Programme bis zur Erarbeitung kommunaler Entwicklungsleitbilder. Der Umgang mit unterschiedlichen Ansprüchen an den Raum gehört dabei zum Projektalltag.

Matthias Thoma

Matthias Thoma

ist Leiter der Geschäftsbereiche Raum- und Standortentwicklung sowie Verkehr bei Ernst Basler + Partner. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit bildet das Management und die Moderation von anspruchsvollen Prozessen in der Raum- und Arealentwicklung. Besondere Freude bereitet ihm die Suche nach Lösungen bei gegensätzlichen Interessenslagen.

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