Von der Sanierungsrate zum Systemdenken im Gebäudepark

Von der Sanierungsrate zum Systemdenken im Gebäudepark

Wie bringen wir unseren Gebäudepark energetisch auf Vordermann? Die Standardantwort lautet: Indem wir die Sanierungsrate erhöhen. Nur, was genau umfasst diese Sanierungsrate? Klare Begriffe und eine differenzierte Betrachtung des Gebäudeparks als System tun Not.

Alle Gebäude werden nur noch mit erneuerbaren Energien beheizt und gekühlt: So lautet die langfristige Vision für den Schweizer Gebäudepark. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir nicht nur die Versorgung mit Erneuerbaren ausbauen, sondern auch den Energieverbrauch deutlich senken. Bei Neubauten haben technische Fortschritte, Labels und Vorschriften bereits zu beeindruckenden Erfolgen geführt. Der grösste Handlungsbedarf liegt beim Gebäudebestand. Die Sanierungsrate, so die landläufige Meinung, müsse deshalb von heute 1 Prozent des Gebäudebestands pro Jahr auf
2 Prozent gesteigert werden. Doch was bedeutet diese Rate? Bezieht sie sich auf die Anzahl Gebäude, die Energiebezugsflächen oder die Gebäudehüllenflächen? Was genau geschieht mit diesen
1 Prozent: Werden sie ein klein wenig gedämmt oder gleich auf Minergie-P-Standard? Und beinhaltet dies auch eine Sanierung der Heizung und eine Umstellung auf Erneuerbare? Der Begriff der Sanierungsrate geistert in der Schweiz durch Berichte und Medienmitteilungen, ohne dass klar definiert wäre, was er bedeutet.

Um mehr Klarheit zu schaffen, hilft es, die folgenden drei Fragen zu unterscheiden:

  • Erstens: Wie viele Gebäude werden gedämmt (Dämmrate)?
  • Zweitens: Wie gut wird gedämmt (Dämmqualität)?
  • Drittens: Wie oft wird auf Erneuerbare umgestellt?


Die Dämmrate: Geprägt von verpassten Chancen

Umfragen zeigen: Heute wird tatsächlich zu wenig häufig gedämmt. Die Rate liegt bei Einfamilienhäusern je nach Bauteil zwischen 0,5 und 1 Prozent; nur bei Fenstersanierungen beträgt sie knapp 3 Prozent:

Die Grafik zeigt die jährliche Sanierungsrate für verschiedene Bauteile.

Die Abbildung zeigt auch, dass laufend Tausende von Chancen verpasst werden. Insbesondere Fassaden und Dächer werden oft nur in Stand gesetzt. Würden sie stattdessen auch gedämmt, wäre die angestrebte Rate von 2 Prozent im Durchschnitt schon erreicht. Modellrechnungen (siehe Seite 29 in diesem Bericht) zeigen auch, dass sich eine energetische Sanierung auszahlt, wenn sowieso eine Instandsetzung vorgenommen wird: Die Mehrkosten werden von der Energieeinsparung, den Fördergeldern und den Steuerabzügen mehr als wettgemacht. Warum also werden nicht mehr Bauten energetisch saniert? Die Hemmnisse sind vielfältig (siehe hier, hier und hier) und reichen von fehlender Information über die persönliche Situation (ältere Hauseigentümer haben beispielsweise weniger Anreize, solche Investitionen zu tätigen) bis hin zur abschreckenden Wirkung von Vorschriften und langen Amortisationszeiten. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird also sein, diese Hemmnisse abzubauen und die Gruppe der «Instandsetzer» zu mobilisieren.

Die Dämmqualität: Wenn, dann richtig!

Wie steht es um die Qualität der Dämmung und folglich um die erzielte Einsparung? Diese hängt sowohl vom Material ab wie auch von der Dämmstärke. Während die Forschung Materialien weiter- und neuentwickelt hat (Hochleistungsdämmstoffe), hat auch die übliche Dämmstärke seit den 70er Jahren nachweislich laufend zugenommen. Entscheidende Treiber waren technische Fortschritte, Labels, sowie Vorschriften und Minimalanforderungen der Förderprogramme wie des aktuellen Gebäudeprogramms. Die Zunahme verlief langsam und über mehrere Jahrzehnte. Wer also vor 40 Jahren sein Dach energetisch sanierte, dämmte z.B. mit ca. 5-8 Zentimetern Steinwolle. Solche Bauten sind heute schwierige Fälle, da sich eine energetische Verbesserung auf das heutige Niveau aus finanzieller Perspektive kaum lohnt. Denn während die erneuten Sanierungskosten ähnlich hoch sind wie bei einem ungedämmten Haus, sind die Einsparungen deutlich tiefer. Daraus folgern wir: Wenn dämmen, dann richtig!

Die Erneuerbaren: Sinnvoll eingesetzt?

Anders als bei der Dämmrate gibt es keine Erhebungen, wie häufig von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energie umgestellt wird. Dennoch lässt sich feststellen, dass die Erneuerbaren langsam auf dem Vormarsch sind, denn die Anzahl installierter Wärmepumpen nimmt zu und der Verbrauch von Heizöl ab. Auch der Einsatz von Holz nimmt zu, unter anderem wegen des Trends zu kommunalen Wärmeverbunden auf der Basis von Holzschnitzeln. Soll die Schweiz eines Tages ausschliesslich mit Erneuerbaren versorgt werden, können solche Wärmeverbunde jedoch nur eine Brückentechnologie sein. Denn die hohen Temperaturen, die Holz bei der Verbrennung erzeugt, sollten langfristig nicht genutzt werden, um Räume auf 20 Grad zu heizen, sondern besser für industrielle Prozesse eingesetzt werden. Die Diskussion um den sinnvollen Einsatz der Holzenergie steht in der Schweiz erst am Anfang.

Systemisch denken

Die drei Aspekte Dämmrate, Dämmqualität und Erneuerbare sind drei Hebel für den Fortschritt im Gebäudepark. Um die richtigen Entscheide zu treffen ist es wichtig, die drei Aspekte nicht gesondert, sondern gemeinsam zu betrachten. Ein Beispiel: Letztes Jahr wurde im TEC21 vorgerechnet, wie stark ein sanierungsbedürftiges Gebäude aus Sicht des Primärenergieverbrauchs zu dämmen sei. Die optimale Dämmstärke sei dabei stark abhängig vom eingesetzten Energieträger: Der Autor errechnete 50 Zentimeter für das gasbeheizte, aber nur 8 Zentimeter für das holzbeheizte, ansonsten aber identische Haus. Aus unserer Sicht stimmen diese Resultate nur in der Einzelperspektive. Sie greifen zu kurz, wenn man das Gesamtsystem optimieren will. Holz ist zwar erneuerbar, aber trotzdem nicht unbeschränkt verfügbar. In der erneuerbaren Schweiz brauchen wir langfristig Holz für industrielle Prozesse. Raumwärme sollte daher primär mit Umweltwärme (Wärme aus dem Erdreich, Grundwasser oder Oberflächengewässern) und Solarwärme erzeugt werden. Dazu müssen aber die Vorlauftemperaturen gesenkt werden – und damit auch heute holzbeheizte Gebäude gut gedämmt werden, um eine spätere Umstellung auf andere Erneuerbare zu ermöglichen.
Jenseits der technischen Lösungen gelangen wir auch hier zur Frage unseres Verhaltens: Wie viele Quadratmeter beheizte Fläche braucht der oder die Einzelne?

Was meinen Sie? Wie können die «Instandsetzer» mobilisiert werden? Sollen heute Wärmeverbunde mit Holzschnitzeln noch gefördert werden?

Michel Müller

Michel Müller

ist bei Ernst Basler + Partner für Energie und Politik im Gebäudebereich zuständig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Entwickeln umsetzungsnaher Strategien und Massnahmen der Energiepolitik. An der ETH Zürich ist er als Dozent in «Energie und Mobilität» tätig.

Sabine Perch Nielsen

Sabine Perch-Nielsen

leitet das Tätigkeitsfeld «Energieeffizienz und Erneuerbare» bei Ernst Basler + Partner und hat in den letzten sechs Jahren diverse Gemeinden, Städte und Regionen im In- und Ausland auf dem Weg in die Energiezukunft begleitet. Daneben beschäftigt sie sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Gebäudepark Schweiz und leitet seit drei Jahren die Dienstleistungszentrale des Gebäudeprogramms.

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