Energiewende in der Gemeinde

Energiewende in der Gemeinde – vom Teufel und den Details

Wie soll die Energiewende in den Gemeinden umgesetzt werden? Mit ausgefeilten Konzepten oder lieber mit Machern, die rasch umsetzen? Umfassend oder doch lieber radikal fokussiert? Wir stellen vier Thesen auf – und liefern die Gegenthesen dazu gleich selber.

Gemeinden und Städte sind zentrale Akteure der Energiewende. Ihre Aufgabe scheint sehr simpel: Sie sollen all das tun, wofür sich genau die kommunale Ebene besonders eignet. So weit, so gut. Doch der Teufel steckt wie immer im Detail. Wofür eignet sich denn die kommunale Ebene besonders? Und welche Hebel soll sie in Bewegung setzen? Wir arbeiten täglich mit Gemeinden und Städten an diesen Fragen und haben die Erfahrungen aus dieser Tätigkeit in vier Thesen und ihren Gegenthesen zusammengefasst.

These 1: Die wichtigste Grundlage für den Erfolg ist ein kommunales Energiekonzept.

Nur mit einem systematisch erarbeiteten Konzept weiss die Gemeinde, wo sie steht und über welche Potenziale zur Energieeinsparung und zur Produktion erneuerbarer Energien sie überhaupt verfügt. Ein Konzept stimmt verschiedene Massnahmen aufeinander und auf das gemeinsame Ziel ab und verhindert damit ziellosen Aktivismus. Und schliesslich führt es dazu, dass in der Gemeinde die richtigen Leute miteinander reden.

Gegenthese 1: Energiekonzepte verzögern die konkrete Umsetzung.

Die Erarbeitung eines Konzepts verschlingt Ressourcen und Zeit, die besser direkt in die Umsetzung fliessen sollten. Es braucht kein Konzept, um zu wissen, dass viele Gebäude der Gemeinde sanierungsbedürftig sind, dass die Energie für Wärme und Mobilität fossil dominiert ist und dass ein grosses Potenzial für Solarwärme und Photovoltaik auf Dächern besteht. Was es in einer Gemeinde braucht, ist primär ein kompetentes und engagiertes Zugpferd. Ohne dieses wird auch das beste Konzept nur lauwarm umgesetzt, wenn überhaupt.

These 2: Die Potenziale erneuerbarer Wärme müssen auf kommunaler Ebene erhoben werden.

Wärme ist anders als Strom oder Mobilität. Denn sie wird meist dort konsumiert, wo sie produziert wird. So gilt als Grundsatz, dass geographisch «gebundene» erneuerbare Wärme (Erdwärme, Grundwasser, Flusswasser) mit Priorität genutzt werden soll. Damit die geographisch ungebundene, «mobile» Wärme (also z.B. Holz) in den Gebäuden genutzt werden kann, für die keine anderen Möglichkeiten bestehen. Diese Analyse und Abstimmung von Angebot und Nachfrage ist so detailliert, dass eigentlich nur die kommunale Ebene dafür in Frage kommt.

Gegenthese 2: Eine rein kommunale Perspektive auf die Potenziale erneuerbarer Wärme führt zu Fehlplanungen.

Will eine Gemeinde einen Holzverbund realisieren, berechnet sie das verbleibende Energieholzpotenzial auf Gemeindegebiet. Weil das nicht reicht, fragt sie bei der Nachbargemeinde nach, stösst auf noch ungenutztes Potenzial und rechnet dieses mit ein. Was sie womöglich nicht weiss, ist, dass drei andere Gemeinden sowie die nächstgelegene Grossstadt auch nachgefragt haben und in ihren Plänen nun auch mit diesem Holz rechnen. Ohne regionale Koordination drohen beim Holz und bei der feuchten Biomasse teure Fehlplanungen.

These 3: Gemeinden müssen die Energiewende umfassend anpacken.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Energiewende oft auf den Strom beschränkt. Dabei sind andere Energieträger für Wärme und Mobilität mindestens ebenso wichtig. In all diesen Bereichen kann eine Gemeinde viel bewegen. Sie kann als gutes Beispiel vorangehen, über die Planung Investitionssicherheit für die Netzbetreiber (Strom, Gas) schaffen oder die Gemeinde für den Langsamverkehr attraktiv machen. Sie kann Anforderungen stellen, Anreize setzen, als Eigentümerin des Stadtwerks ihre Anliegen einbringen. Die Liste ist lang – und alle Punkte sind relevant.

Gegenthese 3: Gemeinden müssen radikal Schwerpunkte setzen.

Es gibt Gemeinden, die ein Energiekonzept, eine Energieplanung, einen Energiestadtprozess haben und gefragt werden, ob sie nicht auch beim 2000-Watt-Programm des Bundes noch mitmachen wollen. Zusammen produzieren alle diese Projekte lange Listen mit Dutzenden von Massnahmen, so dass einige Gemeinden nicht mehr wissen, wo sie anfangen oder Schwerpunkte setzen sollen. Gemeinden sollten pro Jahr radikal nur drei Massnahmen auswählen und diese dafür richtig anpacken. So kommen sie Schritt für Schritt vorwärts und können ihre Prioritäten laufend den geänderten Rahmenbedingungen anpassen.

These 4: Der Föderalismus ist ein Segen für die Energiewende.

In gewissen Kantonen können die Gemeinden die energetischen Mindestanforderungen an Neubauten verschärfen. Andere fördern mit eigenen Programmen die erneuerbaren Energien. So können fortschrittliche Gemeinden verschiedene Massnahmen ausprobieren und andere Gemeinden dann die erfolgreichen übernehmen. Umgesetzt wird nicht nur der kleinste gemeinsame Nenner – willige Pioniere dürfen Neues ausprobieren und den Weg bereiten.

Gegenthese 4: Der Föderalismus ist ein Fluch für die Energiewende.

Die meisten Handwerker, Energieberater und Architekten arbeiten gleichzeitig in vielen Gemeinden. Sie müssen sich stets auf dem Laufenden halten, was nun in welcher Gemeinde gilt. Für den Neubau gelten je nach Gemeinde unterschiedliche Regeln, und eine Sanierung mit Heizungsersatz kann rasch zu drei Fördergesuchen führen (Gemeinde / Kanton / Bund). Einfache und förderliche Rahmenbedingungen sehen anders aus.

Vier Thesen – vier Gegenthesen. Unsere Erfahrung zeigt:

  1. Fundierte Grundlagen oder zugkräftige Umsetzung? Es braucht beides – sowohl das engagierte Zugpferd als auch das prägnante Konzept, das gemeinsam erarbeitet und getragen wird.
  2. Kommunale Detailplanung oder regionale Abstimmung? Auch bei den Potenzialen braucht es beides – die regionale Perspektive für die Biomasse, die kommunale für die Umweltwärme und die Solarenergie.
  3. Umfassend betrachten oder radikal fokussieren? Hier geben wir der Gegenthese das stärkere Gewicht: Zwar braucht man einen Überblick der Handlungsfelder. Die umfassende Perspektive mit unrealistisch langer Massnahmenliste ist aber oft lähmend. Eine starke Fokussierung auf einige wenige Massnahmen für das erste Jahr (und auch die folgenden) täte in vielen Fällen gut.
  4. Föderalismus als Fluch oder Segen? Diese Frage lassen wir offen…

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Hinter welchen Thesen stehen Sie? Und welche Thesen und Gegenthesen haben wir vergessen?

Sabine perch-Nielsen

Sabine perch-Nielsen

leitet das Tätigkeitsfeld «Energieeffizienz und Erneuerbare» bei Ernst Basler + Partner und hat in den letzten sechs Jahren diverse Gemeinden, Städte und Regionen im In- und Ausland auf dem Weg in die Energiezukunft begleitet. Daneben beschäftigt sie sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Gebäudepark Schweiz und leitet seit drei Jahren die Dienstleistungszentrale des Gebäudeprogramms.

Michel Müller

Michel Müller

ist bei Ernst Basler + Partner für Energie und Politik im Gebäudebereich zuständig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Entwickeln umsetzungsnaher Strategien und Massnahmen der Energiepolitik. An der ETH Zürich ist er als Dozent in «Energie und Mobilität» tätig.

2 Kommentare

  • Markus Amrein
    20. Juli 2015 um 14:24

    Zur Mobilität habe ich in der NZZ vom 17.7.15 den Artikel „Fährt das Auto selber, rückt die Peripherie ins Zentrum“ gelesen und mit dem energiewende Artikel „Energiewende in der Gemeinde – vom Teufel und den Details“ in Verbindung gebracht.
    Was haben wir schon:
    Eine Swisscom welche an der Steuerung von selbstfahrenden Autos arbeitet um den Datenaustausch anbieten zu können.
    Zwei und Vierrad Elektrofahrzeuge die auch den Besitzenden richtig Freude bereiten.
    Share Lösungen für Fahrzeugen mit klarem Eigentum.
    Ansätze einer Einspeiselösung von „persönlicher“ elektrischer Energie unabhängig vom Verbrauchsort.
    Was und noch fehlt:
    Die Gabe bestehende Regeln durch auch rechtlich übergeordnete Vorgaben in Frage zu stellen damit diejenigen die ihre Lösungen umsetzen wollen dies auch versuchen können.
    Wenn engagiertes Zugpferd in der Gemeinde etwas bewegt ist dies super. Unterstützung erfährt das Zugpferd z.B wenn ich mein Elektrofahrzeug mit meinem eigenen, überschüssigen Strom überall laden kann. Dann bin ich auch bereit in meine Infrastruktur zu investieren und für eine Steuerung zu bezahlen bei der ich zum Ziel komme. Habe ich Vertrauen in ein solches System bin ich auch bereit zu teilen weil es auch meine Kosten senkt.

    • Sabine perch-Nielsen
      Sabine Perch-Nielsen
      20. Juli 2015 um 17:27

      Lieber Herr Amrein

      Das ist eine interessante Idee: Die Investition in eine Photovoltaik-Anlage würde sich natürlich umso mehr lohnen, wenn man mit dem Elektro-Auto an jeder Ladestelle virtuell den eigenen Strom günstiger beziehen könnte.
      Der kleine Teufel auf der einen Schulter sieht schon alle Schwierigkeiten: Abrechnung, Doppelzählung, faire Bezahlung der Netzinfrastruktur. Der kleine Engel auf der anderen Schulter freut sich über Pioniere, die neue Ideen haben, über bestehende Grenzen hinweg denken und somit die Lösungen von morgen vorantreiben.

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