Technischer Fortschritt und Verhaltensänderung

Die Einsparziele sind ambitioniert – wie weit bringt uns die Technik?

Wer aus der Atomenergie aussteigen und gleichzeitig weniger Gas und Öl verbrauchen will, braucht viel zusätzliche erneuerbare Energie. Oder er reduziert seinen Energieverbrauch, denn die «beste» Energie ist jene, die eingespart wurde und nicht mehr produziert werden muss. Um wie viel energieeffizienter unsere Häuser, Autos und Geräte jährlich ungefähr werden, lässt sich gut abschätzen. Effiziente Technik macht vieles möglich. Eine ambitionierte Energiewende ist aber nicht zu haben ohne Änderungen unseres Konsumverhaltens.

Der Bundesrat will mit der Energiestrategie 2050 zwei Fliegen auf einen Streich schlagen: Erstens den Ausstoss der klimarelevanten Treibhausgase reduzieren. Dies erfordert starke Reduktionen bei bisherigen Anwendungen mit fossiler Energie, wie z.B. Strassenverkehr und Ölheizung. Zweitens aus der Atomenergie aussteigen. Dabei sollen die Atomkraftwerke möglichst nicht durch fossile Kohle- oder Gaskraftwerke ersetzt werden – weder in der Schweiz noch im Ausland. Also braucht es viel zusätzlichen Strom aus Wind, Sonne, Erdwärme oder Biomasse. Das ist weder schnell noch billig zu haben. Deshalb will die Energiestrategie die Energieeffizienz stark steigern. Hier wurde in den vergangenen Jahren schon einiges erreicht, aber der Blick auf die ambitionierten Ziele der Energiestrategie zeigt klar: Unsere Häuser, Autos und Produktionsprozesse müssen nochmals deutlich sparsamer werden.

Was können die Ingenieure leisten?

Neue, nochmals effizientere Technik soll also ein Grossteil der Probleme lösen. Dann können wir als Konsumenten unseren gewohnten Lebensstil beibehalten. Nur: Schaffen es die Ingenieure, rechtzeitig effizientere Lösungen zu entwickeln – wohlverstanden zum gleichen Preis? Und stehen dann auch die Verkäufer und Installateure bereit, um die neueste Technik sofort beim Konsumenten in Betrieb zu nehmen?

2,5 bis 3,5 Prozent effizienter pro Jahr

Unsere Erfahrungen aus vielen Projekten ergeben folgende Faustregel: Wo Energie umgewandelt wird (Erdgas zu Raumwärme, Benzin zu Autofahrten, Strom zu Eiswürfeln), schafft die Technik Fortschritte von 2,5 bis bestenfalls 3,5 Prozent pro Jahr. Ein paar Beispiele:

Technische Fortschritte werden immer schwieriger zu erreichen

Die einfachen Verbesserungspotenziale werden immer als erste umgesetzt,. Der potenzielle technische Fortschritt pro Jahr wird darum laufend kleiner. Allerdings war bis Mitte der 1990er-Jahre Erdöl so günstig, dass Energieeffizienz kaum eine Rolle spielte. Viele einfache Effizienzpotenziale wurden darum lange nicht umgesetzt. Diesen Rückstand haben wir in den letzten Jahren aufgeholt. Dieser «Aufholeffekt» lässt die Fortschritte der letzten Jahre gut aussehen und verleitet gerne zur Hoffnung, Ingenieure könnten zaubern – was innerhalb physikalischer Grenzen manchmal auch stimmt. Doch in den kommenden Jahren wird es immer schwieriger werden, noch weitere Effizienzfortschritte zu erzielen.

Technische Fortschritte kosten

Sind die Einsparziele so ambitioniert, dass sie den technisch möglichen jährlichen Fortschritt übersteigen, müssen Ingenieure teurere Technik einsetzen – Hybridantriebe, Wärmepumpen, hochwertige Dämmmaterialien. Um das zu erzwingen, braucht es teils einschneidende Politikmassnahmen. So sind zum Beispiel nicht nur Glühbirnen, sondern auch Wäschetrockner ohne Wärmepumpe im 2013 schlicht verboten worden. Bei Wohngebäuden gibt es strikte Vorgaben für die Energieeffizienz bei Neubauten. Bei Autos wurden hohe Strafabgaben eingeführt, falls die Importeure es nicht schaffen, die «effizienten» neuen Autos zu verkaufen. Solche Politikmassnahmen führen zu Kosten für die Hersteller und letztlich für den Verbraucher. Zusätzlich brauchen neue Entwicklungen Zeit, bis sie reif für den Massenmarkt sind. Und dann muss der Konsument, ist der Zeitpunkt einmal gekommen, auch noch die richtige Kaufentscheidung treffen (wenn er überhaupt noch eine Wahl hat).

Nicht «weniger» sondern «anders»

Auch Technik kostet, und sie lässt manchmal etwas länger auf sich warten. Angesichts der ambitionierten Ziele der Energiestrategie 2050 ist deshalb klar, dass neben effizienterer Technik auch Verhaltensänderungen notwendig sind. Dabei ist das Ziel nicht «weniger», sondern «anders»: Die Mobilität wird immer noch gleich sein, auch wenn das Auto ein wenig kleiner ist; bei einem Nullenergiehaus ist der Wohnkomfort sogar höher. Aber der Mensch ist träge und ändert sich nur ungern.

Unterschiedliche Ansätze können Verhaltensänderungen bewirken

Wie bei den Lösungen für effizientere Technik gibt es auch für Verhaltensänderungen ein breites Spektrum von Ansätzen. Techniker wollen Verbote älterer Technologien, wie bei den Glühbirnen geschehen. Ökonomen setzen auf Anreizsysteme oder Subventionen, damit der Konsument klare Preisvorteile hat, wenn er das «richtige» Produkt kauft. Verhaltensforscher schlagen vor, vermehrt «anzustupfen». Ein Beispiel für dieses sogenannte «Nudging»: Ökostrom als neues Standardprodukt. Wer Strom aus nicht erneuerbaren Quellen wünscht, muss dies aktiv beim Energieversorger bestellen. Marketingfachleute wiederum betonen, man müsse das Neue und Andere in den Vordergrund stellen. Ein Elektroauto sei nicht mit einem herkömmlichen Benzinauto zu vergleichen – sondern der Schlüssel zu einer anderen, befriedigenderen Mobilität.

Energie muss zu den Konsumenten kommen, damit sie be-greifbar wird

Verhaltensänderungen gehen umso leichter, wenn Konsumenten etwas selber erfahren und be-greifen können. Abfalltrennung, Kompost, Wassersparen: In diesen Bereichen haben Anreize für Verhaltensveränderungen gut funktioniert. Energie aber ist weniger be-greifbar. Die grosse Herausforderung beim Energiesparen lautet also: Wie macht man Energie erfahrbar? Eine Antwort lautet: Man muss die Energie zu den Leuten bringen! Stromzähler mit Zusatzinformationen, so genannte Smart Meters, sparen für sich genommen zwar keine Energie, legen aber die Basis dafür: Der Konsument erfährt, wieviel Energie er wozu verbraucht. Auch lokale erneuerbare Energie, wie die eigene Photovoltaikanlage oder die Erdwärmeheizung des Wohnblocks, geben dem abstrakten Begriff «Energie» ein klareres Gesicht als die von irgendwoher kommende, im Boden verlegte Stromleitung. Grosskraftwerke und lokale, kleinskalige Energieerzeugung haben je ihre Stärken und Schwächen. Wer die Energiewende voranbringen will, tut gut daran, im Zweifelsfall auf lokale, kleinere Anlagen und Lösungen zu setzen, weil diese be-greifbar sind. Häufig ist man erst dann bereit, sein Verhalten zu ändern und Neues in die Hände zu nehmen, wenn man etwas be-griffen hat.

Kann es auch ein bisschen weniger sein?

Man kann die Frage aber auch anders betrachten: Braucht es den Zweitkühlschrank und das Dritttauto wirklich? Dank Smartphones und Apps ermöglicht uns die Sharing Economy, manche Geräte nur noch zeitweise zu nutzen, statt sie die meiste Zeit herumstehen zu lassen. Weniger Besitz eröffnet auch andere Möglichkeiten: Statt für wenige heisse Tage pro Jahr ein Klimagerät anzuschaffen und regelmässig warten oder gar reparieren zu lassen, kann man sich an den heissen Tagen auch in den allerorts ausgebauten Bädern abkühlen. Und kleinere Autos bieten nicht nur innen genau so viel Platz wie mancher Geländewagen, sie passen auch auf normale Parkfelder.

Verhaltensänderungen als Chance

Wir meinen, dass neben besseren technischen Lösungen auch Verhaltensänderungen die Chance bieten, unsere Zukunft zu gestalten und die Energiewende zu schaffen. Statt mit immer aufwändigerer Technik den althergebrachten materiellen Wohlstand zu bewahren, kann man einige Gewohnheiten auch ändern. Das eine müssen wir anpacken, für das andere sollen wir offen sein. Dies gilt sowohl für den Staat wie auch für die Privatwirtschaft und für jeden Einzelnen.

Was meinen Sie? Verhaltensänderungen als Last oder Lust? Ihre Ansicht interessiert uns.

Hans Bohnenblust

Hans Bohnenblust

hat an der ETH Zürich und am MIT in den USA studiert und befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit Technologiefolgeabschätzungen und Kosten-Nutzen-Analysen in verschiedensten Technik- und Gesellschaftsbereichen. Er leitet bei Ernst Basler + Partner den Geschäftsbereich Ressourcen, Energie + Klima.

Peter de Haan

Peter de Haan

hat an der ETH Zürich in Umweltphysik promoviert und leitet bei Ernst Basler + Partner das Tätigkeitsfeld «Ressourcen und Energiepolitik». Ihn interessiert, wie effiziente Technologien in den Markt eindringen und wie Konsumenten darauf reagieren. An der ETH Zürich ist er als Dozent in «Energie und Mobilität» tätig.

2 Kommentare

  • Aeneas Wanner
    3. Juli 2015 um 10:38

    Super Artikel zu spannenden Thema.

    Ist es so, dass technische Effizienzgewinne stets wie schwieriger werden? Ich meinte, wir sind noch weit von den physikalischen Grenzen entfernt: Kühlschränke mit drehzahlregulierten Pumpen, Photovoltaikanlagen mit 40 statt 20% Effizienz und einem Bruchteil des Ressourcenaufwands, LCC statt LED, 1 l statt 4 l Autos etc.

    Unsere Gesellschaft braucht trotz grossen Effizienzpotenzialen definitiv neue Werte und Modelle die sich weniger über materielle Prestige (-Autos) definiert.

    • Hans Bohnenblust
      Hans Bohnenblust
      7. Juli 2015 um 9:40

      Lieber Herr Wanner
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Tatsächlich reizen wir die herkömmlichen Technologien aus, wären mit neuen technischen Ansätzen aber noch weit vom physikalisch Möglichen entfernt. Beeindruckende Lösungen der Zukunft sind bereits heute sichtbar: in Forschungslabors, als Pilotanlagen oder als Anwendungen in Nischenmärkten.
      Im Artikel wollen wir jedoch vor allem den Weg der technischen Entwicklung hervorheben und auf jenen Teil des Fortschritts der Technik fokussieren, der im Mittel im Markt ankommt. Der Fortschritt erfolgt schrittweise und im Spannungsfeld dessen, was technisch möglich ist, was im Markt bezahlt und was von den Nutzern akzeptiert wird.
      Die technische Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende. Darauf zu zählen, dass sie sich beschleunigen wird, ist aus unserer Sicht jedoch unrealistisch. Die Indizien sprechen eher für das Gegenteil: Es wird weiterhin technischen Fortschritt geben, dieser wird jedoch teurer und langsamer werden. Wir plädieren deshalb dafür, sowohl auf Technik zu setzen als auch Ansätze zu betrachten, die über „rein technische Lösungen“ hinausgehen.

Leave a Comment