Energiewende global verstehen

Die Energiewende umfassend und global verstehen

Energiewende gleich Atomausstieg? Für uns greift das zu kurz. Bevölkerung, Wirtschaft und Ressourcenverbrauch wachsen exponentiell. In den letzten Jahrzehnten äusserte sich dies im rasant zunehmendem Energieverbrauch und anderen Folgen wie der Klimaerwärmung und der Umweltverschmutzung. In der Schweiz ist dieser Trend teilweise gebrochen oder zumindest gedämpft, weltweit jedoch überhaupt nicht. Die Energiewende – umfassend verstanden – ist ein zentraler Baustein, um auch künftig und global Wohlstand zu ermöglichen und gleichzeitig das Energie- und Klimaproblem zu bewältigen.

Die Energiewende ist hochaktuell, im In- und Ausland heiss diskutiert. Die Schweizer Politik beschäftigt sich intensiv mit der Energiestrategie 2050 des Bundesrats. Kaum ein Tag vergeht ohne entsprechende Beiträge in den Medien. Konkreter Auslöser für die Energiewende waren die nuklearen Notfälle in Japan im März 2011. Ist die Energiewende also ein Atomausstiegs-Projekt?

Stossen wir an die Grenzen des Wachstums?
Für uns greift die Energiewende tiefer. Unsere Ressourcen sind begrenzt, doch wir nutzen sie immer intensiver. In den 1960er und 1970er Jahren wurde erkannt, dass Bevölkerung, Wirtschaft, Mobilität und in der Folge der Energieverbrauch und die Belastung der Umwelt mit Schadstoffen exponentiell steigen. Der Club of Rome sagte 1972 als logische Folge des ungebremsten exponentiellen Wachstums den «Kollaps» voraus. Die «Grenzen des Wachstums» wurden zum Schlagwort einer breiten Debatte.

In der Schweiz gibt es Erfolge …
Sind die Gedanken aus den 1970er Jahren inzwischen widerlegt, weil dieser Kollaps bisher nicht einzutreten scheint? Unbestritten ist: Die Schweiz hat seither wichtige Erfolge erzielt, etwa die Reduktion der Gewässer- und Luftverschmutzung. Und dies, obwohl die Wohnbevölkerung in der Schweiz seit den 1970er Jahren um über 30 Prozent und die Wirtschaftsleistung (reales BIP) um mehr als 80 Prozent zugenommen haben. Der Energieverbrauch hat zwar ebenfalls zugenommen, aber weniger stark als erwartet (unter anderem bedingt durch die Ölkrisen der 1970er und 1980er Jahre).

… aber noch mehr Herausforderungen
Trotz diesen Erfolgen nehmen in der Schweiz wichtige Grössen der Nachfrage, z.B. nach Mobilität, Wohnraum oder Konsumgütern nach wie vor stark zu. Ein grosser Teil der Umweltauswirkungen des Konsums fällt in anderen Ländern an. Unsere Perspektive muss deshalb über die Landesgrenzen hinausgehen. Und hier zeigt sich: Global betrachtet haben wir den Pfad Richtung «Kollaps», der in den 1970er Jahren aufgezeigt wurde, noch nicht verlassen. Die Folgen des nach wie vor exponentiellen Wachstums auf dem begrenzten «Raumschiff Erde» stellen uns deshalb immer mehr vor globale Herausforderungen.

Und erst «die anderen»?
Über 80 Prozent der Weltbevölkerung leben in Entwicklungs- und Schwellenländern – und sie folgen, was den Energie- und Ressourcenverbrauch betrifft, unseren Spuren. Können wir den Ball also den Entwicklungs- und Schwellenländern zuspielen? Auf keinen Fall. Wie gross unsere Verantwortung nach wie vor ist, wird anhand des CO2-Ausstosses deutlich. Beim jährlichen CO2-Austoss nach Ländern liegt zwar China schon deutlich vorne. Den grössten jährlichen CO2-Ausstoss pro Person verursachen aber nach wie vor Industrieländer, wie ein Vergleich im Datenanalyse-Tool des World Resources Institute zeigt.

Wir müssen Vorbild und Inkubator zugleich sein
Die Entwicklungs- und Schwellenländer müssen einen Weg finden, den von ihnen angestrebten Lebensstandard zu erreichen, dabei aber weniger Umwelt- und Ressourcenbelastung zu verursachen, als wir dies bisher getan haben. Uns in den Industrieländern muss es gelingen zu zeigen, dass hoher Lebensstandard nicht zwingend hohe Klimabelastung und hohen Energie- und Ressourcenverbrauch bedeutet. Wir müssen sowohl Vorbild sein als auch Verantwortung übernehmen und technologisch wie wirtschaftlich gangbare Lösungen für die Zukunft entwickeln. Energie ist dabei die zentrale Leitgrösse, um die Klima- und Ressourcenprobleme zu lösen. Die Energiewende ist Baustein einer breiter ausgelegten Wende zum nachhaltigen Umgang mit unseren Ressourcen, und als solchen soll sie verstanden und entsprechend umgesetzt werden.

Sind die Ziele der Energiewende Wunschträume?
Die Ziele der Energiewende sind hoch. Was ausschlaggebend ist, damit wir sie erreichen, wollen wir in diesem Blog zeigen. Denn in den Details der Umsetzung stecken die wahren Herausforderungen. Die Blog-Beiträge beleuchten einzelne Sektoren und Akteure, im Fokus bleiben die übergeordneten Ziele der Energiewende: die Nutzung der Energieeffizienzpotenziale und die Verlagerung auf erneuerbare Energien. Zwei Thesen dienen uns als roter Faden:

Erstens: Technik ist der Schlüssel zur Lösung.
Technik als Lösung dominiert die aktuelle Diskussion über die Energiewende. Der technische Fortschritt war bereits in der Vergangenheit ein zentraler Erfolgsfaktor und soll auch in Zukunft weiteres Wachstum wirtschaftlich und ressourcenschonend ermöglichen. Wie gross kann der technische Beitrag tatsächlich sein, und welche ergänzenden Erfolgsfaktoren, beispielsweise eine umsichtige und vorausschauende Planung, müssen unterstützend wirken? Diese Fragen wollen wir für ausgewählte Sektoren beleuchten.

Zweitens: Unser Verhalten wird über den Erfolg entscheiden.
Das Verhalten der Nutzerinnen, der Konsumenten und der Investorinnen kann der Energiewende Rückenwind verleihen, sie aber auch bremsen. Änderungen des individuellen Verhaltens, sowie gesellschaftliche Werte und Willensbildungen machen eigenständige Einsparungen möglich. Unser Verhalten kann aber auch dazu führen, dass die Wirkung technischer Fortschritte aufgehoben oder durch neue Nachfrage in anderen Bereichen kompensiert wird.

Was denken Sie? Kann die Energiewende ein Baustein sein, um auch künftig und global Wohlstand zu ermöglichen und gleichzeitig das Klima- und Ressourcenproblem zu bewältigen?

Bruno Basler

Bruno Basler

hat an der ETH Zürich Bauingenieurwesen studiert und einen MBA am INSEAD absolviert. Als Präsident des Verwaltungsrats von Ernst Basler + Partner ist ihm die nachhaltige Entwicklung in allen drei Dimensionen, im Grossen wie im Kleinen, ein zentrales Anliegen. Er hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema des nachhaltigen Bauens befasst.

Michel Müller

Michel Müller

ist bei Ernst Basler + Partner für Energie und Politik im Gebäudebereich zuständig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Entwickeln umsetzungsnaher Strategien und Massnahmen der Energiepolitik. An der ETH Zürich ist er als Dozent für «Energie und Mobilität» tätig.

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